Schau mir in die Augen!

17. Mai 2012, 17:58
43 Postings

Die Tage der Glühbirne sind auch im Scheinwerfer mehr und mehr gezählt. Die LED-Technik ermöglicht im Autodesign schier unendlich viele neue Möglichkeiten

Wir wissen ja, dass Autos sich zu einem guten Teil über ihre Physiognomie definieren. So ist es irgendwann modern geworden, das automobilistische Selbstvertrauen durch mächtige Kühlermasken auszudrücken. Audi hatte damit angefangen, nannte das Single-Frame-Kühlergrill und fand alsbald mehr oder weniger geschickte Nachahmer. Peugeot reckte uns vorübergehend ziemlich bedrohliche Lufteinlässe entgegen, sodass irgendwann einmal die Designer selbst vor dem geschaffenen Ingrimm Angst bekommen mussten.

Das Thema mächtiger Kühler ist nun fast zehn Jahre lang gespielt worden, jetzt muss etwas Neues her, und es ist auch schon da. Noch bevor irgendjemand so richtig weiß, wo die optische Reise hingeht, ist klar: Die LED-Technik eröffnet schier unendlich viele neue Möglichkeiten zur Gestaltung. Der Fokus liegt nun auf den Lichtquellen, und zwar vorn wie hinten. Die Zeiten der nahezu zweidimensionalen Anordnung mit Birndl, Reflektor und Scheinwerferglas sind endgültig vorbei. Wir treten in eine Art Las-Vegas-Szenario ein, mit Lichterketten und Girlanden, leuchtende Beispiele unterschiedlichster Markenidentitäten kommen uns plötzlich entgegen, während bis vor kurzem alle Katzen schwarz waren und einen im günstigsten Fall aus ihren Augen nicht über die Maße blendeten. Ging es seinerzeit gerade mal um Standlicht, Abblendlicht, Fernlicht und Blinker, haben wir es heute mit einer Vielfalt an Funktionen zu tun, die auf unterschiedlichen technischen Grundlagen beruhen.

Die herkömmlichen Halogenscheinwerfer gibt es nach wie vor, weil sie gut und vergleichsweise billig sind. Zur Reflektortechnik kam aber vor einigen Jahren die Projektortechnik hinzu, die eine deutlich geringere Lichtaustrittsfläche erlaubte und damit dem Designer mehr Freiheit bot. Vor mittlerweile mehr als zwanzig Jahren tauchte erstmals Xenonlicht auf, Licht aus Gasentladungslampen, das anfangs durch seinen extremen Blauton irritierte. Der Beitrag des Xenonlichts zum Design erschien eher gering, abgesehen davon, dass Xenonlicht aufgrund des exorbitanten Preises nur in sehr teuren Autos angeboten wurde und das stechende Blau somit sogar in der tiefen Nacht signalisierte, dass einem hier etwas Elitäres entgegenkam.

Demokratisierung des Autodesigns

Nunmehr findet die LED-Technik zusehends Verbreitung. Die Licht emittierenden Dioden verbrauchen bei ihrer Leuchtarbeit etwas weniger Strom, vor allem aber halten sie ewig, oder zumindest ein Autoleben lang, wie die Hersteller gerne betonen. Sehr verbreitet sind LED-Elemente bereits in Zusammenhang mit eher anspruchsarmer Funktion wie Tagfahrlicht. Hier trägt es ganz wesentlich zur Demokratisierung des Autodesigns bei, wenngleich nicht unbedingt zur Verschönerung des Straßenbilds. Immerhin gibt es ganze Lichtgirlanden im Zubehörhandel, die man dann mehr oder weniger legal an sein Auto schrauben kann, um seiner Individualität mit Nachdruck Ausdruck zu verleihen.

Das Wesen des LED-Lichts ist seine Punktförmigkeit. Mithilfe von Reflexion, Projektion und Lichtleitern lassen sich sodann daraus fast beliebige Formen in unterschiedlichster Leuchtkraft für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke gestalten, während früher ein relativ klobiges Birndl mit einem noch klobigeren Topf rundherum die Gestaltungsfreiheit massiv einschränkte, egal ob Halogen oder Xenon. Dieser Fortschritt passt auch ganz gut zu den neuen Möglichkeiten der Elektronik. Das Umschalten von Abblendlicht und Fernlicht wird bald Geschichte sein. Was heute als Fernlichtassistent in den Aufpreislisten der Neuwagen steht, also eine Automatik, die selbstständig auf- und abblendet, wird schon mittelfristig von vollautomatischen Lichtsystemen abgelöst werden, gesteuert von Sensoren und über das Navigationssystem, das ja ohnehin längst weiß, wie die Straße hinterm Horizont verläuft.

Die LED als kleine punktförmige Lichtquelle benötigt allerdings Elemente zur Reflexion, Projektion oder Leitung des Lichts. Beispiele dafür sind längst auf unseren Straßen wahrzunehmen. So strahlen die Dioden in Rückleuchten üblicherweise mithilfe kleiner Reflektoren. Das Tagfahrlicht bei BMW, also die Ringe um die Augen, sind ein klassischer Fall von LED mit Lichtleiter. Und mit entsprechendem Aufwand lassen sich auch ganze Scheinwerfersysteme in LED-Technik gestalten, eine Technik, die preislich allerdings noch deutlich über dem Xenonlicht liegt. (Rudolf Skarics, Rondo, DER STANDARD, 18.5.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Hatten wir es früher gerade einmal mit Standlicht, Abblendlicht, Fernlicht und Blinker zu tun, geht es heute um eine Vielzahl von Funktionen, die auf verschiedenen Techniken beruhen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Chevy Camaro bekam erst dank LED-Technik diesen ganz besonderen Augenaufschlag.

Share if you care.