Ein Realo mit wenig Charisma und viel Geduld

Kopf des Tages15. Mai 2012, 20:23
1 Posting

Jean-Marc Ayrault wird neuer Premierminister Frankreichs

Weder Ideologe noch Weichei" - so wird Jean-Marc Ayrault (62) von seinem ehemaligen Kabinettschef im Rathaus von Nantes beschrieben. Dort ist der neu ernannte französische Premier seit 23 Jahren Bürgermeister. Dort, unweit der Loire-Mündung in den Atlantik, wuchs er als Sohn eines Landarbeiters und einer Näherin auf. Und dort verdiente er auch seinen Lebensunterhalt als Deutschlehrer, bevor es ihn in die Politik verschlug.

Ayraults Engagement begann in der Landbewegung der christlichen Jugend, die mit betont linken Thesen aneckte. Und auch als neuer Bürgermeister scheute er die Polemik nicht, als er die verdrängte Vergangenheit der Stadt mit dem Sklavereigeschäft thematisierte; heute erinnern in Nantes viele Gedenkstätten an das unrühmliche Kapitel der "négriers", der Sklavenschiffe.

Heute gilt Ayrault in seiner Stadt als Realo, tritt er doch - auch gegen heftige Umweltschützerproteste - für den Bau eines regionalen Flughafens ein. Ein grüner Stadtrat in Nantes bezeichnet ihn als "Sozialdemokraten" , was in Frankreich nicht unbedingt als Lob verstanden werden muss.

Mit Staatschef François Hollande und Premier Ayrault bestimmen nun zwei Pragmatiker die Geschicke der einst so revolutionären Nation. Beide schätzen einander, ohne eng befreundet zu sein, und sind sich recht ähnlich: Keiner hat je einen Ministerposten besetzt, keinem wird ein spezielles Charisma nachgesagt. Und beide setzen nicht auf den schnellen Medieneffekt, sondern gehen die Dinge eher langfristig an.

Ayrault fungiert seit 1997 als Fraktionschef in der Nationalversammlung, eine Rekordzeit für seine chronisch zerstrittene Partei. Wohl deshalb zog ihn Hollande der störrischen Parteichefin Martine Aubry und dem ungeduldigen Manuel Valls vor.

In Nantes gilt der verheiratete Familienvater als integer. Fast als Beweis dafür sind seine Wahlerfolge zu sehen: Seit 1989 bekam er stets schon im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen.

Ayraults einziger Makel ist eine Verurteilung im Jahre 1997: Damals erhielt er wegen Begünstigung in einer lokalen Bauausschreibung sechs Jahre auf Bewährung. Das Urteil wurde allerdings 2007 aus dem Vorstrafenregister gestrichen. Hollande, der im Wahlkampf erklärt hatte, er werde keine "verurteilten" Minister nominieren, sieht ebenfalls über die Causa hinweg: Ayrault ist für ihn eine Idealbesetzung im Hôtel Matignon, dem Regierungssitz in Paris. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 16.5.2012)

  • Jean-Marc Ayrault wird Frankreichs neuer Premier.
    foto: epa/lucas dolega

    Jean-Marc Ayrault wird Frankreichs neuer Premier.

Share if you care.