Nachtbaden

  • Wo sonst hätte ein Kleinstadtpubertierender hüllenlose
 Mädchenkörper zumindest in der Silhouette zu sehen bekommen, wenn nicht im örtlichen Freibad außerhalb der 
Öffnungszeiten?
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    Wo sonst hätte ein Kleinstadtpubertierender hüllenlose Mädchenkörper zumindest in der Silhouette zu sehen bekommen, wenn nicht im örtlichen Freibad außerhalb der Öffnungszeiten?

In seiner vollendeten Form ist Nachtbaden natürlich Nacktbaden, oder unbemerkt kann sich der Hai mit flotten Flossenschlägen im Schutz der Dunkelheit heranpirschen

Pro: Besser als Spechteln
Von Gerald John

Der ausgetauschte Buchstabe tut nichts zur Sache. In seiner vollendeten Form ist Nachtbaden natürlich Nacktbaden - womit schon viel über den Reiz gesagt ist. Wo sonst in Oberösterreich hätte ein Kleinstadtpubertierender hüllenlose Mädchenkörper zumindest in der Silhouette - man hoffte auf Vollmond - zu sehen bekommen, wenn nicht im örtlichen Freibad außerhalb der Öffnungszeiten? Fürs Spechteln durch gebohrte Löcher in den Wänden der Umkleidekabinen fühlte man sich dann doch zu erwachsen - und die Verheißungen dieser nicht nur wegen des kalten Wassers Herzklopfen produzierenden Ausflüge wogen die potenzielle Strafe in Form eines Badverbots auf.

Heute sind, zumindest in Wien, selbst lächerliche Gefahren passé. Die Donauinsel bietet auch Menschen ohne Swimmingpool nächtliche Planscherei, ohne Anzeigen rabiater Badewascheln oder Weichteilverletzungen an spitzen Zäunen zu riskieren. Ein Abenteuer in geradezu wohlfahrtsstaatlicher Sicherheit - das rote Wien hat auch das Nachtbaden sozialdemokratisiert.

Kontra: Obacht vor dem Hai
Von David Krutzler

Schwarz macht bekanntlich schlank. Insofern ist bei sommerabendlichen Ausflügen ins erfrischende Wasser Chancengleichheit hergestellt. Eine formschöne Modelfigur oder ein knackiger Waschbrettbauch verliert in der Dämmerung den Startvorteil. Mit Sixpacks können die Buben die Mädchen zwar auch in der Nacht am Strand beeindrucken - dann aber ausschließlich eisgekühlt und in flüssiger Form.

Aber Obacht! Der Reiz des Verborgenen ist auch ein gefährlicher. Dem Hai macht man es beim Nachtbaden nämlich viel zu einfach. Unbemerkt kann sich der Hai mit flotten Flossenschlägen im Schutz der Dunkelheit heranpirschen und das viele Fleisch im Wasser erkunden. Ist die Lage ausreichend, nun ja, gecheckt und der frischeste Fisch ausgemacht, beißt er gnadenlos zu.

Tagsüber kann der Hai seine Flosse nicht verstecken. Wird das Dreieck sichtbar, hat das Opfer Zeit, sich gegen den Unterwasserangriff zu rüsten. Nicht selten schon zog ein hernach an Land gespülter Hai mit blutiger Nase und Goldkette von dannen. (Rondo, DER STANDARD, 18.5.2012)

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