Die oberen Herren und die ungehorsame Fischgräte

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  • Viermal hoffen auf eine positive Entwicklung der katholischen Kirche: Andreas Khol
    foto: der standard/newald

    Viermal hoffen auf eine positive Entwicklung der katholischen Kirche: Andreas Khol

  •  Helmut Schüller
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    Helmut Schüller

  •  Toni Faber
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    Toni Faber

  • Regina Polak
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    Regina Polak

Zukunft der katholischen Kirche: Verheiratete Priester, Frauen am Altar - und das soll katholisch sein? Oder sind die "Ungläubigen" vielleicht schon mittendrin?

Wien - "Ihr seid's ja alle Kinderschänder!" Diese Hassworte aus einem Zimmer, an das er als Altenseelsorger im Spital geklopft hatte, waren wohl ein persönlicher Tiefpunkt in jener "schrecklichen Zeitenfolge von Groer bis Stützenhofen" - Synonyme für Missbrauch und Homophobie angesichts eines schwulen Pfarrgemeinderats -, die ein Diakon beim STANDARD-Montagsgespräch zum Thema "Welche Zukunft hat die katholische Kirche?" schilderte.

So weit gab er Helmut Schüller, dem Mitgründer der "Pfarrer-Initiative" (mit Pater Udo Fischer) und Mitautor des "Aufrufs zum Ungehorsam", in seinen Reformrufen recht. Aber: "Was ich Helmut Schüller zumindest leise vorwerfe, ist das Wort Ungehorsam." Da war es. Das ungehörige, ungebührliche Wort! Der Ungehorsam habe "bei alten Menschen Furchtbares ausgelöst", erzählte der Diakon im vollen Haus der Musik.

Welche Zukunft hat die katholische Kirche? Mit Gerfried Sperl diskutierten Regina Polak, Professorin am Institut für praktische Theologie, Helmut Schüller, Pfarrer in Probsdorf und Hochschulseelsorger, Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol und der Wiener Dompfarrer Toni Faber.

Das Montagsgespräch in voller Länge (Teil 2). 

Debatte über Ungehorsam

Das führte auf dem Podium zu einer kleinen Rehabilitierungsrunde des vermeintlich ungeliebten Ungehorsams. ÖVP-Seniorenbundchef und Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol, ein bekennender praktizierender Christ, sagte, "diese Provokation der Priester-Initiative" habe zumindest dazu geführt, dass die "Aufmerksamkeit Roms auf das kleine Dorf in Gallien gelenkt wurde".

Immerhin hat Papst Benedikt XVI. am Gründonnerstag dazu gepredigt. Für Khol ist jedenfalls klar: "Ihr seid unverzichtbar." Er unterstütze die Pfarrer-Initiative "in allen Punkten" - dazu gehört etwa die Forderung nach verheirateten und weiblichen Priestern. Die Zukunft der Kirche, ihre Funktion für "Sinnstiftung", werde vor Ort in den Pfarren, die " ohne Frauen nicht denkbar wären", stattfinden - "und nicht bei den oberen Herren", sagte Khol.

Das mit "den oberen Herren" sah Theologin Regina Polak (Uni Wien) ähnlich, sie rät der zukunftssuchenden Kirche, die lange Zeit "ein Gehorsamkeitsapparat war", dringend einen Blick in die Welt, denn: "Zwei Drittel der Katholiken leben in Afrika, Asien und Lateinamerika - oft als Arme."

"Verbürgerlichte Sattheit"

Die Theologin konstatierte aber auch eine "gewisse verbürgerlichte Sattheit katholischer Kirchenkreise", aus denen der liberale Flügel vertrieben worden sei.

Darum bestehe die Gefahr, dass die derzeit dominierenden Fragen nach Zölibat, Verheirateten- oder Frauenpriestertum, gegen das es theologisch keinen Grund gebe, "wie ein Klotz am Bein sind" und die großen Fragen " blockieren", sagte Polak: "Die Zukunft der Kirche wird sein, wie weit sie in der Gegenwart ankommt." Dazu zählen etwa die Themen Migration und Leben in religiöser Vielfalt.

Im Grunde genommen waren sich alle vier Diskutanten einig, dass die katholische Kirche derzeit an so etwas wie einer Anpassungsstörung leidet. "Anpassen an die Zeit" nannte Khol es.

Aber "nicht zeitgeistig", betonte Toni Faber, der als "Pfarrer auf der Höhe der Zeit und des Heute" und mit "viel Freude" Dompfarrer im Wiener Stephansdom ist. Er plädierte "optimistisch" für eine "sich ständig verändernde Kirche. Da brauchen wir einfach Bewegung." Auch die, die die Priester-Initiative ausgelöst habe. Dass Schüller, wie dieser erzählte, sogar "Ungläubiger" geziehen wurde, erfüllte Faber "mit Schmerz", weil es ein trauriges Zeichen für eine schlechte "Streitkultur" sei.

Schüller jedenfalls denkt nicht daran, den "Ungehorsam" zu opfern. Ohne das U-Wort in der Kirche reale Reformen anstoßen? Da musste der frühere Wiener Generalvikar und jetzige Pfarrer von Probstdorf lachen. "Tun wir doch nicht so! Der Ungehorsam ist eine Fischgräte, und die leistet bis jetzt ganz gute Arbeit." Sie liegt quer, ist unangenehm, regt an und auf. "Wir lehnen uns auf gegen eine Entwicklung und versagen ihr die Gefolgschaft", betonte Schüller.

Es geht wieder was los

Es war dann ein anderer Diakon im Publikum, der die Ungehorsamsfrage auch an die Kirche zurückgab: "Was haben wir als Kirche angerichtet, wenn Menschen Angst bekommen, wenn sie das Wort Ungehorsam hören? Wennst nicht brav bist, passiert dir was?"

Wenn er Schüller und seine Mitstreiter anschaue, "dann denke ich mir: Na schau, es geht schon wieder was los - und ich freue mich, dass es wieder losgeht." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 16./17.5.2012)

STANDARD-Montagsgespräch im TV

Eine Aufzeichnung der Diskussion ist am Montag, 21. Mai (22.45 Uhr) auch auf W24 im UPC-Kabelnetz zu sehen.

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