Zweite Fatwa: Shahin Najafi, eine rein schiitische Affäre

15. Mai 2012, 19:41
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Eine Fatwa wegen der Beleidigung eines schiitischen Imams geht an sunnitischen Muslimen vorbei. Das Rechtsgutachten, das den Rapper Shahin Najafi verurteilt, ist eine rein schiitische Sache. Unangenehm genug.

Teheran/Wien - Nun hat sich auch noch Großayatollah Makarem Shirazi mit seiner Rechtsmeinung (Fatwa) zu Wort gemeldet: "Jede Beleidigung der Erhabenheit der Imame ist Gotteslästerung und stellt einen Abfall vom Glauben dar, wenn der Beleidiger ein Muslim ist ..."

Die Aussage bezieht sich auf einen iranischen Rapper in Deutschland, Shahin Najafi, der sich - wie überall berichtet - in einem Song über den 10. Imam Ali al-Hadi lustig gemacht und sich deshalb vorige Woche eine Verurteilung durch Großayatollah Safi Golpayegani zugezogen hatte, inklusive Kopfgeld von 100.000 Dollar. Denn ein Apostat ist vogelfrei, beziehungsweise stellt seine Ermordung die Ordnung wieder her.

Der 1924 geborene Nasir Makarem Shirazi gehört zur mittleren Altersgruppe der breiten iranischen Großayatollah-Riege. Er meldete sich nicht ungefragt zu Wort, sondern wurde auf seiner Webpage um sein Gutachten zur Sache (ohne dass dabei der Fall Shahin Najafi explizit genannt wurde) gebeten. Das ist der normale Vorgang - wobei der Ayatollah natürlich durchaus in der Hand hat, was er öffentlich gefragt wird und was nicht.

Ayatollah Lotfollah (und nicht Ali, wie gemeldet: Dieser ist im Jahr 2010 96-jährig gestorben) Safi Golpayegani ist Jahrgang 1918 - und er ist in der vergangenen Zeit mit besonderer Angriffslust gegen den saudischen wahhabitischen Islam im Allgemeinen und König Abdullah Ibn Abdulaziz Al Saud im besonderen aufgefallen, und zwar im Zusammenhang mit dem iranisch-arabischen Hegemonialstreit am Persischen Golf. Das heißt, Safi Golpayegani ist jenseits dieses Golfs ganz bestimmt kein beliebter Mann.

Die Feinde der Schia

Aber auch abseits der politischen Komponente ist der Fall Shahin Najafi nicht einfach ein islamischer, sondern ein explizit schiitischer. Bei der Anfrage an Makarem Shirazi ging es demgemäß um "Feinde des Islam und speziell der Schia, die die Leistungen des Islam und der Schia nicht ertragen können ...". Diese Konstellation macht die medial geäußerte Annahme, Najafi könnte ein zweiter Fall Salman Rushdie werden, eher unwahrscheinlich: Der allergrößten Mehrheit der sunnitischen Muslime - die ihrerseits die Mehrheit aller Muslime bilden - ist eine Beleidigung eines schiitischen Imams im besseren Fall egal, im schlechteren werden sie ihr vielleicht sogar zustimmen.

Die Geschichte der Imame - die Nachkommen der Tochter des Propheten Muhammads, die nach schiitischer Überzeugung die islamische Gemeinschaft leiten sollten - ist ja eine der Opposition zu den sunnitischen Kalifen. Etliche Imame sind in sunnitischen Gefängnissen umgekommen - wobei eine Aufarbeitung dieser Geschehnisse völlig fehlt. In der strengen wahhabitischen Sicht des Islam rückt die Verehrung der Imame (deren letzter, al-Mahdi, wiederkehren soll) und ihrer Schreine die Schiiten bis heute in die Nähe des Polytheismus.

Querschüsse der Hardliner

Ob es ein Zufall ist, dass Safi Golpayegani gerade jetzt auf den Rapper Najafi reagiert und andere Ayatollahs mit sich zieht, ist eine interessante Frage. Der Iranist Walter Posch von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sieht die Äußerung im Zusammenhang mit den erneuerten Bemühungen der internationalen Gemeinschaft und Teherans, ihre Beziehungen zu verbessern: Das solle torpediert werden. Gerade aus dem Lager des geschwächten Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad kommen laufend Querschüsse. Die Hardliner-Ayatollahs Safi Golpayegani und Makarem Shirazi, die diesem Lager gewiss zuzurechnen waren, haben sich aber - wie ja der religiöse Führer Ali Khamenei auch - zuletzt von ihrem früheren Liebling Ahmadi-Nejad abgewandt.

Safi Golpayegani ist jedenfalls ein Mann, dem Versöhnung nicht das allererste Anliegen sein dürfte, auch nicht mit seinen Brüdern im Islam. In einem Brief an "Herrn Abdullah Bin Abdulaziz" - den König von Saudi-Arabien - kritisiert er unter anderem die Politik Saudi-Arabiens in Bahrain: Mitte März 2011 hatte Riad ja dem sunnitischen Königshaus in Bahrain Truppen zur Hilfe geschickt, um den von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit getragenen Aufstand niederzuschlagen. In Golpayeganis Weltbild erledigt das saudische Königshaus damit die Agenden des Westens.

"Persischer Golf forever"

Im Iran reagiert man allergisch auf das Zusammenrücken des 1981 - im Lichte der islamischen Revolution im Iran - gegründeten Golfkooperationsrats (GCC: Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Oman), aus dem nach Wunsch der Saudis eine politische Union werden soll, die dem Iran etwas entgegenzusetzen hat. Der erste Schritt durch die Implementierung einer saudi-arabisch-bahrainischen Union wurden jedoch am Montag verschoben.

Aber nicht nur Golpayegani kämpft im Kalten Krieg um den Golf: Im April wurde die Facebook-Seite König Abdullahs lahmgelegt, von hunderttausenden Iranern mit der Zuschrift "Persischer Golf forever". (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 16./17.5.2012)

  • Shahin Najafi in einem seiner Musikvideos.
    foto: screenshot youtube

    Shahin Najafi in einem seiner Musikvideos.

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