Abtauchen in die Hallstätter Urgeschichte

15. Mai 2012, 19:11
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Auf dem Grund des Hallstätter Sees lagert ein organisches Archiv, das die Klima- und Umweltbedingungen bis in die Urzeit hinein gespeichert hat

Geologen, Archäologen und Biologen wollen mit Sedimentbohrungen das Hallstätter Leben der letzten 4.000 Jahre rekonstruieren. 

Staunend schlendern asiatische Touristen die Seestraße entlang, die Köpfe hochgereckt zu den schmucken Häuschen, die sich zwischen Bergmassiv und Wasser quetschen. Die Anrainer sind das längst gewohnt. Mit der Eröffnung einer Hallstatt-Kopie in der chinesischen Provinz Guandong im Juni wird sich der Andrang weiter steigern, erwartet Bürgermeister Alexander Scheutz.

Vergangene Woche waren es Wissenschafter, die Scheutz in dem (noch immer) stillen Ort im Salzkammergut begrüßte. Sie interessiert vor allem, was sich in den Tiefen des Hallstätter Sees verbirgt. Unter der satten dunkelgrünen Wasseroberfläche, die an sommerlichen Tagen spiegelglatt und undurchdringlich erscheint, haben sich über die Jahrtausende Zeugnisse dessen angesammelt, was rundherum passiert ist.

Hochwasser genauso wie Bergrutsche und Murenabgänge haben Gesteinsmaterial in den See gespült, Pflanzenreste, Blütenstaub, Insekten, Mikroorganismen und Mineralien haben sich abgelagert - Schicht für Schicht, Jahr für Jahr. Die Lagen zeigen ähnlich wie Baumringe relativ gut datierbare Veränderungen. Ein Team rund um Forscher des Naturhistorischen Museums Wien (NHM) hat sich deshalb vergangene Woche aufgemacht, um auf dem Grund des Sees nach Sediment zu bohren.

"Wir wollen ein detailliertes Bild der Umwelt- und Klimabedingungen der letzten 4000 Jahre zeichnen und analysieren, wie die menschlichen Gesellschaften auf die geänderten Bedingungen reagiert haben und wie sie in die Natur eingegriffen haben", sagt Kerstin Kowarik, Umweltarchäologin vom NHM und Leiterin des Projekts "Hall-Impact", das von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert wird. 400 Meter über dem See, in einem Hochtal, unter dem sich Salz in den Stein gepresst hat, begann rund 2000 v. Chr. der erste Boom des Salzbergwerks, das sich zu einem prähistorischen Industriebetrieb entwickeln sollte.

Schneise vom Salzbergwerk

Vom Salzberg im Hochtal, wo die Bergleute lebten und sich wertvolle Gräberfunde nur so drängen, führt eine Schneise hinunter zum See, in welcher der Mühlbach hinabstürzt. "Was uns interessiert, ist hier heruntergekommen", sagt Hans Reschreiter, Archäologe und Ausgrabungsleiter im Salzbergwerk, wo das NHM seit 1995 eine Außenstelle hat.

Unten, mitten im See, der an dieser Stelle eine Tiefe von 118 Metern erreicht, hat eine Forschergruppe rund um Achim Brauer vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam eine Bohrplattform aufgebaut, gewissermaßen eine Zeitmaschine in die Vergangenheit. "Wir wissen aus anderen Regionen, dass vor 2800 Jahren eine sehr geringe Sonnenaktivität rasch zu einem kühleren Klima geführt hat", berichtet Brauer über eine kürzlich in Nature Geoscience veröffentlichte GFZ-Studie. Ob das auch im alpinen Raum der Fall war und was das bewirkte, könnten die Seesedimente zutage bringen. Sie erlauben einen viel weiteren Blick in die klimatische Vergangenheit als die verfügbaren meteorologischen Zeitreihen, die gerade 150 Jahre zurückreichen.

Auf der Plattform sind gerade vier Mitarbeiter dabei, einen zwei Meter langen Bohrkern vorsichtig hinaufzuziehen. Das einzige Geräusch kommt von dem brummenden Motor, der die Seilwinde antreibt. Bis in 8,5 Meter Tiefe reicht das Loch, das 60 Kilogramm schwere Gewichte, die aus der Höhe fallen gelassen werden, in den Seegrund getrieben haben. So sollen die Sedimentproben sauber gestochen werden - was mit einer üblichen Rotationsbohrung nicht möglich wäre, wie Brauer betont. Ein paar Meter von der ersten Stelle entfernt werden versetzt Proben entnommen, um keinen Millimeter zu verlieren. Immerhin sind in einem Zentimeter die Ablagerungen von circa zehn Jahren gespeichert, wie vergangene Bohrungen am Mondsee gezeigt haben.

Etwa zwei Stunden dauert die Prozedur, einen Bohrkern durch einen Trichter auf dem Grund in die Tiefe zu hämmern und wieder an die Oberfläche zu hieven. Ein Gestänge nach dem anderen schrauben die Männer auf der Plattform nun ab, bis das Endstück mit dem Plexiglasrohr zum Vorschein kommt. Sofort übergießt ein Mitarbeiter den urzeitlichen Fang mit Kübeln kalten Wassers. Nach dem Verschließen wird die Probe behutsam in nasse Tücher geschlagen und auf schnellstem Weg per Boot ans Ufer gebracht und gekühlt - unter hohem Druck und bei genau vier Grad, der Temperatur des Seebodens.

Ein Stück weiter nördlich, bei einer Tiefe von 124 Metern werden später noch zwei Referenzbohrungen vorgenommen. "So können wir überprüfen, was aus dem Hochtal kommt und was über die Traun eingetragen wurde", sagt Achim Brauer. "Letztlich geht es darum, herauszufinden, was der Mensch verändert hat und welche Rolle die Natur gespielt hat." Ein Problem, das Klimaforscher bis heute beschäftigt.

Gefriergetrocknete Scheiben

In Labors in Potsdam wird das Sediment nun genau untersucht: Neben C14-Datierungen und einer hochauflösenden Messung der chemischen Elemente werden einzelne Abschnitte gefriergetrocknet, mit Kunstharz verschlossen und in ultradünne Scheiben geschnitten, die dann unters Mikroskop kommen. So gibt etwa die Größe der Gesteins- und Mineralkörner Auskunft darüber, ob sie über die Luft, einen Fluss, einen Bergsturz oder eine Mure transportiert wurden. Pollen- und Holzanalysen sollen über die Vegetation Auskunft geben. Aus all diesen Hinweisen wollen die Forscher auf klimatische Verhältnisse schließen und Erklärungen für Extremereignisse wie Hochwasser ableiten.

Große Hoffnung legen auch die Archäologen in das prähistorische Archiv im See: "Wir wissen nicht genau, wann der Salzabbau begann und was im Mittelalter passierte", sagt Kerstin Kowarik. "Durch die Zusammensetzung des Sediments könnten wir mehr darüber erfahren." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 16.5.2012)


Die Bohrungen und der prähistorische Salzabbau sind Thema von "Archäologie am Berg" am 18. und 19. August.

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    Stille Wasser, die viel wissen: Im Hallstätter See finden sich Spuren von Bergstürzen und Hochwassern genauso wie vom prähistorischen Salzabbau.

  • Zwei Meter lang, bis zu 4000 Jahre alt: Der Fang aus 8,5 Meter Tiefe erfreut die Forscher. Die Sedimentprobe im Plexiglasrohr wird im Labor mikroskopisch und chemisch untersucht.
    foto: krichmayr

    Zwei Meter lang, bis zu 4000 Jahre alt: Der Fang aus 8,5 Meter Tiefe erfreut die Forscher. Die Sedimentprobe im Plexiglasrohr wird im Labor mikroskopisch und chemisch untersucht.

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