Sprudelnde Forschungsquelle im Norden Europas

15. Mai 2012, 19:44
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Ein Vergleich des schwedischen mit dem österreichischen Innovationssystem zeigt: Die Skandinavier geben doppelt so viel für Grundlagenforschung und die Hälfte für Industrieforschung aus

Wer träumt, dass Österreich bald einer der Innovation-Leader innerhalb der EU wird, könnte durch einen Blick auf das schwedische Innovationssystem nachhaltig geerdet werden: Das skandinavische Land, derzeit Spitzenreiter im Innovation Union Scoreboard, dem Forschungsranking Europas, gibt - nach einem Rückgang - 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIPs) für Forschung und Entwicklung aus. Österreich liegt derzeit auf Platz acht und ist damit immerhin unter den Innovation-Followern - deutlich vor dem EU-Durchschnitt. Laut der jüngsten Schätzung der Statistik Austria wird die Forschungsquote 2012 aber bei 2,8 Prozent des BIP stagnieren.

Besonders deutlich wird der Unterschied zwischen Schweden und Österreich bei den Ausgaben für die Grundlagenforschung. Während ihr wichtigster Förderer hierzulande, der Wissenschaftsfonds FWF, im vergangenen Jahr 195,2 Millionen Euro erhielt, um Projekte zu fördern, hatte das Pendant dazu, der schwedische Forschungsrat Vetenskapsradet, der dem Ministerium für Bildung und Forschung in Stockholm unterstellt ist, 511 Millionen Euro zur Verfügung. Allerdings werden hier auch Mittel für die Forschungsinfrastruktur miteinberechnet. Zieht man diese Summe ab, blieben dem Rat immer noch 372 Millionen Euro.

Die Frage der Zitationen

Das Verhältnis 2:1 spiegelt sich auch in einer Zitationsanalyse des Wissenschaftsfonds FWF von 2007 wieder. Schwedische Publikationen werden demnach doppelt so häufig zitiert. Falk Reckling vom FWF glaubt aber nicht, dass nur Geldsummen eine Rolle spielen. "Es kommt auch auf die Strukturen an, also auf die Frage, wie man die Mittel investiert." Die Daten seien relativ stabil, sagt er, und würden sich nur langfristig signifikant ändern. Österreich habe in den vergangenen Jahrzehnten zwar aufgeholt. Der Abstand zu den Topnationen wurde geringer, es scheint aber auch immer schwieriger zu werden, ihn noch weiter zu verringern. Reckling: "Aufholprozesse in der Grundlagenforschung sind Generationenprojekte."

Deutlich günstiger fällt der Vergleich in der industrienahen Forschung aus. Die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft FFG, die auch Mittel an Unis vergibt, konnte 2011 insgesamt 406 Millionen Euro auszahlen. Das schwedische Pendant Vinnova kann jährlich etwa 440 Millionen investieren. Die Förderquote Schwedens, also die Finanzierung von Forschungsvorhaben der Unternehmen durch den Staat, liegt bei 5,9 Prozent, in Finnland gar nur bei 2,58 Prozent. Jene von Österreich ist fast doppelt so hoch und liegt bei elf Prozent: Diese weltmeisterliche Quote kommt vor allem durch die Forschungsprämie, eine steuerliche Erleichterung für die Industrie, zustande. Sie wurde zuletzt von acht auf zehn Prozent erhöht und kostet den Staat derzeit laut Statistik Austria 450 Millionen Euro. In Schweden wird wie auch in der Schweiz, in Deutschland und Finnland keine steuerliche Begünstigung für Unternehmen vergeben, die Forschung betreiben.

Woher kommen die Gelder für die Forschung? Schweden ist in Sachen Verteilung der Ausgaben dort angekommen, wo Österreich gern wäre. 75 Prozent tragen Unternehmen. 25 Prozent der Staat. Hierzulande hat der öffentliche Bereich zuletzt seine Ausgaben um 7,5 Prozent auf 3,38 Milliarden Euro gesteigert, wobei der Hauptanteil vom Bund kommt. Das ergibt 39,3 Prozent Finanzierung durch die öffentliche Hand. In der Forschungsstrategie wurde das Ziel formuliert, die Ausgaben auf 34, besser noch auf 30 Prozent zu reduzieren.

Schweden hat neben dem Rat und Vinnova aber auch thematische Fördertöpfe eingerichtet, die für Grundlagen- und Industrieforschung offen sind und zeigen, worauf das Land Wert legt: Der Schwedische Forschungsrat Formas unterstützt Wissenschafter, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. Eine andere Förderorganisation namens FAS vergibt Mittel für Forschungen zum Thema Arbeitsleben. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 16.5.2012)

=> Wissen: Schwedische Größenordnung


Wissen: Schwedische Größenordnung

Schweden ist mit einer Fläche von 450.000 Quadratkilometern fünfmal so groß wie Österreich. Zum Vergleich: Die Entfernung zwischen Linz und Stockholm entspricht etwa jener zwischen Stockholm und den nördlichsten Regionen Schwedens. 9,5 Millionen Einwohner verteilen sich da ganz gut. In Österreich gibt es mit 8,4 Millionen Einwohnern eine weit größere Bevölkerungsdichte. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Schweden liegt bei 386 Milliarden Euro, jenes von Österreich bei 301 Milliarden Euro.

Die wichtigsten Industriezweige des skandinavischen Landes sind die Forstwirtschaft, Eisen- und Stahl-, die Autoindustrie, Informationstechnologie sowie die chemische und die pharmazeutische Industrie.

Unternehmensgründungen sind in Schweden vergleichsweise unproblematisch, unter anderem deshalb, weil man deutlich weniger Startkapital als hierzulande benötigt. (pi)

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