Testament mit Hakenkreuz und die Folgen

15. Mai 2012, 19:45
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Angeklagte Richterin will von Testamentsfälschung nichts gewusst haben

Salzburg - Achter Tag im Testamentsfälscher-Prozess. Am Dienstagnachmittag sitzt erstmals die Vizepräsidentin des Landesgerichts Feldkirch, Kornelia Ratz, vor dem Schöffensenat. Der 48-Jährigen Richterin wird vorgeworfen, ein Testament bei den Fälschern vom Bezirksgericht Dornbirn in Auftrag gegeben zu haben. Die Anklage lautet auf Amtsmissbrauch und Urkundenfälschung.

Eine Testamentsfälschung könnte sie mit ihrer Werthaltung nicht vereinbaren, die Vorwürfe schmerzten sie sehr, schickt die Richterin ihren Ausführungen voraus, und dann folgt ein Redeschwall ohne Punkt und Komma. Ratz erzählt, dass sie für ihre Mutter "in den sauren Apfel" der Verlassenschaftsabwicklung gebissen habe. Schließlich sei das nicht ihre Kernkompetenz und eine unbedankte Sache (bei der entfernteren Verwandtschaft).

Und dann folgt ein Vortrag über ihre antifaschistische Grundhaltung im Allgemeinen und die Nazivergangenheit gewisser Personen in ihrer Heimatgemeinde Lustenau im Besonderen. Hintergrund für die atemlosen Ausführungen: Das gefälschte Testament ihres entfernten Verwandten, des Straßenkehrers Willi M., stammt aus dem Jahr 1944.

Außer Ratz' Großvater, Mutter und Tante wurden in diesem Testament auch zwei Frauen bedacht: die Mutter eines langjährigen Bürgermeisters, die, so Ratz, gerüchteweise eine Anhängerin des Nationalsozialismus und eine Denunziantin gewesen sei, und eine Frau, die von einem Zeitzeugen der Historikervereinigung Johann-August-Malin-Gesellschaft als "Hitlerin" (Lustenauer Begriff) bezeichnet wurde. Das hätten Recherchen ihrer Mutter ergeben. Für sie habe festgestanden: Das konnte nicht im Sinne des Willi M. gewesen sein.

Aussage von Ratz brachte wenig Erhellendes

Beide Frauen sind längst verstorben. Die Fälscher hatten sie bewusst ausgewählt. Die Bürgermeistermutter, damit im Falle eines Rechtsstreits mit dem Bürgermeister ein starker Fürsprecher vorhanden sei, und die zweite Frau, weil man auch hier ein Testament gefälscht hatte. Nutznießer war ein Bekannter des Bruders des Erstangeklagten Jürgen H. Dieses Legat kaufte Ratz dem Bevollmächtigten Markus H., ebenfalls angeklagt, für 23.000 Euro ab. Die Bürgermeisterfamilie verzichteten nach Interventionen der wortgewaltigen Juristin auf das Erbe. Mutter und Tante der Richterin erbten ein Vermögen von 560.000 Euro.

Wer nun das Testament wirklich gefälscht hat, Jürgen H. allein oder der Mitangeklagte Clemens M. mithilfe von H., konnte die einen halben Tag dauernde Befragung von Clemens M. nicht eindeutig klären. M. verstrickte sich in Widersprüche, den Ratschlag von Richter und Staatsanwalt, ein Geständnis abzulegen, lehnte er ab. Auch die Aussage von Ratz brachte am ersten Tag wenig Erhellendes. Bei Redaktionsschluss war die angeklagte Richterin noch bei ihrem Vortrag. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. (Jutta Berger, DER STANDARD, 16.5.2012)

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