Wahlväter als Gesangslehrer

16. Mai 2012, 01:01
14 Postings

Der australische Türkisstaffelschwanz ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswerter Singvogel. Beim Werben um Weibchen setzen die Tiere auf Schreckeffekte

Es ist ein Trick, der bei jungen Menschen angeblich gut funktioniert: Wer seine Angebetete in einen Horrorfilm einlädt und es danach bei ihr versucht, hat anscheinend größere Chance beim Flirten als unter normalen Bedingungen. Die Wissenschaft spricht vom "Scary-Movie-Effekt" - den auch eine australische Singvogelart mit entsprechenden Abänderungen zur Anwendung bringt.

Die Männchen des Türkisstaffelschwanzes machen nämlich auch mit "Schrecken" potenzielle Partnerinnen auf sich aufmerksam: Sie warten, bis einer ihrer Feinde - eine Würgerkrähe - zu singen beginnt. Wenig später stimmen sie dann selbst mit ein, wie die beiden US-amerikanischen Ornithologen Emma Greig und Stephen Pruett-Jones im Vorjahr herausgefunden haben. Da die Weibchen beim Klang des gefahrverheißenden Krähenrufs sofort aufmerksam werden, sind sie besonders empfänglich für die direkt folgenden Balzrufe (vgl. Behavioral Ecology, Bd. 21, S. 1360).

Die beiden Forscher haben nun gemeinsam mit ihrem Kollegen Benjamin Taft eine weitere faszinierende Entdeckung zum Gesang der auffälligen blauen Vögel gemacht: Sie fanden nämlich heraus, dass Türkisstaffelschwänze das Singen nicht von ihren leiblichen Eltern lernen, sondern vom Wahlvater - und bestätigten damit die These, dass ein spezieller Gesang nicht nur helfen soll, die Arten zu erkennen und Weibchen anzulocken, sondern auch den Zusammenhang kleinerer sozialer Gruppen zu festigen.

Fremde männliche Hilfe bei der Aufzucht

Für ihre neue Untersuchung, die in den Proceedings der britischen Royal Society erschien, machten sich die Forscher eine weitere Eigenart des Türkisstaffelschwanzes zunutze: Zwar brütet wie gewöhnlich jeweils ein Vogelpaar. Doch lässt sich dieses meist von einem oder zwei weiteren Männchen bei der Aufzucht helfen, die zum Ausgleich bis zur Hälfte des Nachwuchses mit der Mutter beisteuern dürfen. Am Verhalten der Tiere lassen sich deutlich soziale Väter der einzelnen männlichen Jungen erkennen, die durchaus nicht gleichzeitig auch die durch genetische Tests erkennbaren biologischen Väter sind.

Greig und ihre Kollegen untersuchten nun die Gesänge von sozialen und biologischen Vater-Sohn-Paaren mittels ausgefeilter Tonanalyse und statistischer Methoden und fanden, dass die soziale Nähe der Tiere entscheidender ist als die biologische Verwandtschaft. Dies bedeutet, dass die Jungen unabhängig von der genetischen Verwandtschaft ihre Lieder von ihrem Erzieher lernen. Und das wiederum sei ein deutlicher Hinweis auf die Rolle des Gesangs als Mittel der sozialen Bindung in der Gruppe. (tasch/APA, DER STANDARD, 16.5.2012)

  • Junge Türkisstaffelschwänze lernen ihre speziellen Gesänge lieber von elterlichen Freunden als ihren biologischen Verwandten. Das stärkt den sozialen Zusammenhalt der Gruppe.
    foto: wikimedia

    Junge Türkisstaffelschwänze lernen ihre speziellen Gesänge lieber von elterlichen Freunden als ihren biologischen Verwandten. Das stärkt den sozialen Zusammenhalt der Gruppe.

Share if you care.