EU plant Kredite für Masterstudien im Ausland

16. Mai 2012, 10:30
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Das Erasmus-Programm wird reformiert: Mehr junge Menschen sollen ins Ausland gehen - Budget soll um 70 Prozent erhöht werden

Es soll die steigende Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen, die Akademikerquote erhöhen und nebenbei die wirtschaftlichen Situation in der Europäischen Union verbessern: Die Erwartungen an "Erasmus für alle" sind groß. Das Konzept für das neue EU-Austauschprogramm beruht auf einer Initiative der Kommission. Sie hat im November vorgeschlagen, die derzeit zehn Module, die einen Aufenthalt im Ausland ermöglichen, zu einer einzigen Marke zu vereinen. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Erasmus wurden die Details von "Erasmus für alle" in der vergangenen Woche in Kopenhagen präsentiert.

Alle, aber nicht jeder

"Erasmus für alle" richtet sich entgegen dem Namen nicht an jeden, sondern vor allem an junge Menschen, also Schüler, Studenten und Lehrlinge. Sie bekommen ein Stipendium, um eine ausländische Bildungsinstitution besuchen zu können oder ein Praktikum zu machen. Auch Lehrkräfte erhalten über das Programm Unterstützung für einen Auslandsaufenthalt in einer anderen Bildungsstätte. Freiwilligenarbeit im Ausland wird ebenfalls über "Erasmus für alle" subventioniert. All diese Arten der Unterstützung gabe es auch bisher schon, nur waren sie auf verschiedenen EU-Programme verteilt. "Die unterschiedlichen Namen haben zu Verwirrung geführt", erklärte die Kommissarin für Hochschulbildung, Androulla Vassiliou, eines der Motive für die Reform.

Nicht nur in der EU

Im vergangenen Studienjahr bekamen Austauschstudenten durchschnittlich 250 Euro pro Monat. Ein Erasmus-Stipendium kann zwischen drei und zwölf Monate lang in Anspruch genommen werden. Neu ist, dass auch ein Aufenthalt außerhalb Europas ermöglicht werden soll. Die Kommission sieht vor, dass Studenten zum Beispiel auch für den Besuch von Universitäten in China oder den USA Stipendien bekommen. Bisher wurden Stipendien nur für Aufenthalte innerhalb der EU und Drittstaaten, die sich an Erasmus beteiligen, bezahlt.

Kredit in Höhe von 12.000 Euro

Neben Auslandssemestern werden künftig auch ganze Masterstudien innerhalb der EU unterstützt. Jene, die ihr Masterstudium im Ausland absolvieren wollen, sollen einen Studentenkredit aufnehmen können. Über die Höhe ist man sich noch nicht einig. "Wir stellen uns rund 12.000 Euro pro Jahr vor", so Dennis Abbott, Sprecher von Vassiliou. Die Kredite sollen über die Europäische Investitionsbank abgewickelt werden, für Ausfälle würden die Mitgliedsstaaten gemeinsam bürgen.

Die Kommission veranschlagt das Budget mit 19 Milliarden Euro, das würde eine Erhöhung um 70 Prozent bedeuten. "Investitionen in höhere Bildung sind keine Ausgaben", erklärte Jordi Gurell Gotor, der Direktor für Lebenslanges Lernen in der Kommission, die hohe Budgetsteigerung in Krisenzeiten. Man erhofft sich dadurch, europaweit zwischen 2014 und 2020 fünf Millionen Personen einen Auslandsaufenthalt ermöglichen zu können. 2,2 Millionen davon sollen Studenten sein, eine Million Lehrpersonal. Zudem sollen 735.000 Personen im Zuge ihre Berufsausbildung ins Ausland gehen können. Vom Studentenkredit sollen 330.000 profitieren.

Kritik von Studenten-Seite

Kritik an dem Vorschlag kam von Tania Berman, Präsidentin des Netzwerks für Erasmus-Studenten. Sie hält den Namen "Erasmus für alle" für missverständlich, da das Programm eben nicht für jeden ist. Zudem will sie eine Garantie, dass die Budgeterhöhungen sich in den Stipendien der Studenten widerspiegeln. "Die Stipendien sollten an die soziale Herkunft der Studenten gekoppelt werden", forderte Berman bei einer Diskussion im Rahmen der Erasmus-Konferenz.

"Mehr Qualität statt Quantität"

Stefan Hermann, Rektor an der Metropolitan-Universität in Kopenhagen, fordert eine stärkere Professionalisierung des Erasmus-Programms. Derzeit gehe es vor allem um Quantität und nicht um Qualität, so der Universitätsprofessor. Tatsächlich kann die Kommission keine konkreten Zahlen nennen, die den Erfolg von Erasmus belegen. 

Erfolg nicht bewiesen

Im vergangenen Studienjahr (2010/11) stieg die Zahl der Auslandsaufenthalte zwar um 8,5 Prozent. Was die Studenten dort lernen und ob diese Erfahrung sie tatsächlich auch im Berufsleben weiterbringt, ist jedoch unklar. Vassiliou wird trotzdem nicht müde zu betonen, dass "Erasmus Leben verändert". "Im Ausland zu studieren erweitert die Fähigkeiten der Menschen, sie entwickeln sich in ihrer Persönlichkeit und werden anpassungsfähiger", so die Kommissarin. Zudem steige die "Employability", also die Arbeitsmarktfähigkeit, der Studenten. 

Rat und Parlament müssen zustimmen

Ob Vassiliou die Steigerung der Mittel um 70 Prozent tatsächlich durchsetzen kann, ist noch offen. Am Donnerstag begrüßte der Rat der Bildungsminister die Reform zwar grundsätzlich. Über die Höhe des Budgets wurde allerdings noch nicht gesprochen. Auch das Parlament muss dem Vorschlag zustimmen. Schlussendlich wird darüber mit dem Budgetentwurf für die Jahre 2014 bis 2020 abgestimmt. (Lisa Aigner, derStandard.at, 16.5.2012)

  • Das Budget für das Erasmus-Programm soll um 70 Prozent steigen.
    foto: standard/fischer

    Das Budget für das Erasmus-Programm soll um 70 Prozent steigen.

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