Ein Jahrgangstreffen der Arrivierten

15. Mai 2012, 18:29
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Männliche Regisseure bleiben im Wettbewerb unter sich, Seidl trifft auf Haneke

Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass Cannes das prestigeträchtigste Filmfestival der Welt ist, das diesjährige Line-up würde ihn erbringen: Mit so diversen wie unumstritten bedeutenden Regisseuren wie Alain Resnais, David Cronenberg, Michael Haneke, Abbas Kiarostami oder Ken Loach steht der 65. Jahrgang schon einmal als einer der Arrivierten fest. Debütanten (wie 2011 Michael Schleinzer) finden sich im Wettbewerb keine, auch Filmemacherinnen sucht man vergebens.

Letzteres hat einigen Gegenwind verursacht. In Le Monde haben zuletzt Coline Serreau, Virginie Despentes und Fanny Cottenco einen Protestbrief veröffentlicht, der unter dem Titel "Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme" die chauvinistische Auswahlpolitik kritisiert. Festivaldirektor Thierry Frémaux reagierte prompt und patzig mit der Antwort, in Cannes habe man noch nie einen Film ausgewählt, nur weil er von einer Frau sei. Er sprach sich gegen Quoten aus.

Bis zum 27. Mai wird man überprüfen können, ob der Wettbewerb dieser großtuerischen Ansage überhaupt standhält. Frische Impulse erwartet man sich zumindest von Lee Daniels' The Paperboy mit Matt McConaughey und Nicole Kidman, John Hillcoats Lawless (Drehbuch: Nick Cave), einem Drama über Schwarzhändler, dem lang erwarteten neuen Film des französischen Grenzgängers Leos Carax, Holy Motors, in dem Eva Mendes und Kylie Minogue spielen, oder von Carlos Reygadas' Essayfilm Post Tenebras Lux.

Neben Michael Hanekes Amour, in dem Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant ein altes Ehepaar verkörpern, ist der zweite österreichische Beitrag Ulrich Seidls Paradies: Liebe - der erste Teil seiner Trilogie um weibliche Glückssucher (siehe Interview). Dass die zwei renommiertesten heimischen Filmautoren direkt aufeinandertreffen, geschieht hier übrigens zum ersten Mal.

Heiterere Töne darf man sich auf jeden Fall von Wes Andersons Moonlight Kingdom erhoffen, der das Festival am Mittwochabend eröffnen wird (und auch im Wettbewerb läuft). Der für seine eigenwillig verspielten Weltentwürfe bekannte US-Amerikaner erzählt darin eine romantische Ausreißergeschichte unter Pfadfindern und erweitert sein Ensemble um Tilda Swinton und Edward Norton. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, DER STANDARD, 16.5.2012)

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