Körpersteine: Wenn die Körpersäfte stocken

  • Endoskopische Fotos von Speichelsteinen, die in Ausführungsgängen von Speicheldrüsen liegen.
    foto: allgemeine hno,universitätsklinik graz

    Endoskopische Fotos von Speichelsteinen, die in Ausführungsgängen von Speicheldrüsen liegen.

  • Dieser Nierenstein ist mit 17 Zentimetern selten groß und wurde einem Patienten in Ungarn entfernt.
    foto: apa/epa/tibor olah hungary

    Dieser Nierenstein ist mit 17 Zentimetern selten groß und wurde einem Patienten in Ungarn entfernt.

Verstopfte Kanäle, Gänge und Blasen verursachen höllische Schmerzen

Steine in jeglichen Formen und Farben gibt es so ziemlich überall auf der Welt. Und sie machen auch vor dem menschlichen Körper nicht halt: Gallensteine, Nierensteine, Speichelsteine, Uretersteine, Bauchspeicheldrüsengangsteine oder Blasensteine - nahezu überall im Körper kann der Fluss der Körpersäfte durch das Gestein ins Stocken geraten. Bei manchen Menschen bleiben die Steine ein Leben lang unbemerkt, bei anderen verursachen sie schier unausstehliche Schmerzen.

Häufige Gallensteine

Gallensteine kommen am häufigsten vor, rund 15 Prozent der westlichen Bevölkerung sind Gallensteinträger. Die Galle ist für die Fettverdauung verantwortlich und hilft bei der Ausscheidung verschiedener Substanzen aus dem Körper wie Cholesterin und Bilirubin. Liegen die verschiedenen Bestandteile in der Gallenflüssigkeit nicht im richtigen Verhältnis vor, können durch Kristallisation Gallensteine entstehen. Die meisten der Steine sind "stumme Steine", die keine Beschwerden verursachen.

Schmerzen verursachen die aus unterschiedlichen Kristallen zusammengesetzten Steine oft erst, wenn sie in einem Drüsenausgang eingeklemmt werden und den Abfluss von Flüssigkeiten verhindern. Versperrt ein Stein etwa die ableitenden Gallenwege, staut sich die in der Leber produzierte und in der Galle gespeicherte Gallenflüssigkeit in die Leber und dann in das Blut zurück. Haut und Augenweiß färben sich gelb, da der gelbe Blutbestanteil Bilirubin nicht mehr ausgeschieden werden kann.

Kolik durch eingeklemmte Steine

Ein verstopfter Gallengang ist für Patienten mehr als unangenehm, eine Gallenkolik ist die Folge: Da sich Gallengang und -blase krampfartig zusammenziehen, um den Gallenabfluss frei zu machen und den Stein in den Darm loszuwerden, haben Patienten mit wellenartig auftretenden Schmerzen, die Stunden andauern können, zu kämpfen. "Eine Kolik kann im Glücksfall produktiv sein und der Stein wird durch die Engstelle durchgedrückt. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten, so dass durch die Verkrampfung der Stein erst recht stecken bleibt. Und jeder, der schon eine Gallen- oder Nierenkolik gehabt hat, weiß, wie furchtbar schmerzhaft das ist", sagt Peter Knoflach, Leiter der Inneren Medizin I am Klinikum Wels-Grieskirchen und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie.

Gelbe und schwarze Steine

Gelbliche Cholesterinsteine sind in den Industriestaaten am meisten verbreitet. In Österreich relativ seltene Gallensteine sind Pigmentsteine (Bilirubinsteine), die sehr hart, klein und schwarz sind und etwa im Rahmen von Erkrankungen mit Blutzellzerfall entstehen. Aber nicht nur Farbe und Konsistenz variieren, sondern auch die Größe. "Es gibt Gallensteine, die in der Gallenblase fünf bis sechs Zentimeter groß werden. In den Gallenwegen werden die Steine maximal ein bis zwei Zentimeter groß", so Knoflach.

Klassische Risikofaktoren für Gallensteine sind Übergewicht, steigendes Alter, starke Gewichtsveränderungen, mangelnde Bewegung, Schwangerschaft und auch Abnehm-Diäten. Gerade bei Menschen, die schnell an Gewicht verloren haben, sieht der Mediziner häufig die Entwicklung oder Vergrößerung von Gallensteinen. "Ich empfehle, über den Tag verteilt zu essen. Denn nach jedem Essen zieht sich die Gallenblase zusammen und es kommt wieder flüssigere Galle nach - was die Bildung von Steinen schwieriger macht."

Nierensteine: Engstelle Harnleiter

Neben der Galle ist es vor allem der Nieren- und Harntrakt, in dem sich die vom Körper gebildeten Steine wohlfühlen. Rund fünf Prozent leiden im mittel- und westeuropäischen Raum darunter. Sie treten vermehrt im mittleren Lebensalter auf und machen wie auch die Gallenblasensteine lange, oft ein ganzes Leben lang keine Probleme. Erst wenn sie zu wandern beginnen und in die Harnleiter gelangen, kann die Angelegenheit schmerzhaft werden. "Bereits kleine Steine, die wenige Millimeter groß sind, können beim Abgehen durchaus schon starke Schmerzen verursachen. Bei größeren Steinen kann neben einer Kolik auch ein Harnstau entstehen", erklärt Knoflach.

Faktoren wie ein schlechter Abfluss in der Niere, Übergewicht, bakterielle Infektionen, eine sehr eiweißreiche Ernährung, erhöhte Harnsäure oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen steigern das Risiko für Nierensteine. Als Prävention gelten daher, Harnwegsinfekte möglichst zu vermeiden oder sofort behandeln lassen, eine eiweißarme Kost und ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Bei Gallen- als auch bei Nierensteinen spielen aber auch genetische Faktoren eine Rolle, gegen die präventiv kein Kraut gewachsen ist.

Beschwerden in der Mundhöhle

Nicht mehr ganz so häufig, aber dennoch keine Seltenheit sind Speichelsteine. Rund 0,5 Prozent der Bevölkerung, meist im mittleren Lebensalter, sind davon betroffen. In den drei paarigen, großen Speicheldrüsen der Unterkiefer-, Ohr- und Unterzungenspeicheldrüse finden sich die meisten Steine.

Die Speicheldrüsen werden dafür gebraucht, die Feuchtigkeit der Mundhöhle zu gewährleisten, und produzieren daher Speichel in unterschiedlichen Konsistenzen von dünn- bis zähflüssig. Ausgangspunkt der Steinbildung sind häufig Mikropartikel von Nahrungsresten oder Bakterien aus der Mundhöhle, die in die Speicheldrüsenausführungsgänge wandern und zu einer Mikroverkalkung führen. An diesen keinen Festkörpern lagern sich mit der Zeit organische und anorganische Substanzen ab. "Diese Steine können zwischen wenigen Millimetern bis hin zu mehreren Zentimetern groß sein und wachsen rund einen Millimeter pro Jahr", sagt Dagmar Greger von der Klinischen Abteilung für Allgemeine HNO der Universitätsklinik Graz.

Erstes Anzeichen für einen Speichelstein ist eine Schwellung einer betroffenen Speicheldrüse, die sich durch eine geschwollene Wange oder eine Schwellung unter dem Unterkiefer bemerkbar macht. Sehr typisch für Speichelsteine sind die durch die Schwellung auftretenden Schmerzen bei der Nahrungsaufnahme. "Wenn Patienten etwas essen, etwas Saures trinken oder ein saures Zuckerl lutschen, dann schwillt die betroffene Drüse an, weil sie durch saure Substanzen angeregt wird, mehr Speichel zu produzieren. Wenn dann ein Speichelstein im Ausführungsgangsystem feststeckt, staut sich das Sekret in die Drüse zurück und verursacht Schmerzen", erklärt Greger. Gesicherte Daten, wie die Bildung von Speichelsteinen verhindert werden kann, gibt es zwar nicht, günstig wirken sich laut Greger aber eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und eine gute Mundhygiene aus.

Steinentfernung

Was das therapeutische Vorgehen angeht, ähneln sich die Vorgehensweisen bei den unterschiedlichen Steinen. Steine im Nierenbecken oder der Gallenblase, die keine Beschwerden machen, werden nur in Ausnahmefällen entfernt. Bereiten die Steine in der Gallenblase Schmerzen, wird gleich die ganze Gallenblase mittels Knopflochchirurgie entfernt. Ein Leben ohne Gallenblase bringt für die Patienten keine Veränderung.

Bei asymptomatischen Steinen in den Harn- und Gallenwegen kommt es früher oder später sehr wahrscheinlich zu Komplikationen, weshalb sie auch meistens endoskopisch entfernt werden. Speichelsteine können bei Beschwerden ebenfalls mit Hilfe einer Speicheldrüsenendoskopie, meist in örtlicher Betäubung und ambulant, entfernt werden. Bei größeren Steinen - egal ob im Nierenbereich oder den Speicheldrüsen - gibt es die Möglichkeit der extrakorporalen Schockwellen-Lithotripsie, die die Steine zertrümmert, um sie im Anschluss endoskopisch entfernen zu können.

So unangenehm die Steine im Körper auch sein mögen, sehen sie oft aus wie kleine, vom Körper produzierte Kunstwerke. Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité besitzt deshalb eine Körperstein-Kollektion, vor der sich auch die Künstlerin Ilana Halperin inspirieren ließ. Noch bis 15. Juli sind Halperins Arbeiten, die sich den Körpersteinen widmen, in einer Ausstellung im Medizinhistorischen Museum zu sehen. (Ursula Schersch, derStandard.at, 16.5.2012)

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