ORF-Programmentwickler Ströbitzer: "Wir sind ja nicht auf der Flucht"

15. Mai 2012, 15:38
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Mittagsmagazin ab Herbst - Sport-Comedy zur Fußball-EM - Peter Rapp in "Große Chance"-Jury - Format Doku-Soap aus der "totalen Banalisierung" herausholen

Ein neues Mittagsmagazin in ORF 2, Optimierungen im ORF 2-Vorabend, eine Sport-Comedy mit Viktor Gernot zur Fußball-Europameisterschaft sowie die Umgestaltung des Abendprogramms in ORF eins am Dienstag und Mittwoch - das sind die ersten Programmreformen der ORF-Fernsehdirektion, die laut Stefan Ströbitzer, Leiter der ORF-Hauptabteilung "Programminnovation und Qualitätsmanagement", bis Herbst umgesetzt werden sollen. Großes Unterhaltungsereignis im zweiten Halbjahr wird wieder "Die Große Chance".

"Einen Paukenschlag wird es nicht geben", erklärte Ströbitzer. "Wir sind ja nicht auf der Flucht. Wir haben mit ORF eins und ORF 2 gut funktionierende Programmprodukte. Wenn etwas Neues fertig ist, dann machen wir es, und wir werden versuchen, ab der Programmpräsentation im Herbst einzelne Teile der auf zweieinhalb Jahre angelegten Programmreformkette sichtbar zu machen." Für die Castings der "Großen Chance" gibt es inzwischen über 1.800 Anmeldungen, mehr als im Vorjahr. Und mit Peter Rapp wurde gerade ein Entertainerurgestein für die Jury der Unterhaltungsshow engagiert.

"Überraschung" für 2013

Für 2013 kündigte Ströbitzer eine "Überraschung" im Unterhaltungsbereich an. Ob es sich dabei um das international erfolgreiche Casting-Format "The Voice" handelt, ließ der Programmentwickler offen. Über eine weitere Staffel der "Dancing Stars" will er noch nicht spekulieren. "'Dancing Stars' ist jedenfalls eines unserer Erfolgsformate, auf das niemand leichtfertig verzichten würde."

Davor geht es aber zunächst an die konkrete Umgestaltung der Wochentage Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Der ORF hat ja die Rechte an der Fußball-Europa-League gekauft, weshalb der Donnerstag auf ORF eins ab August vor allem dem Thema Sport gewidmet wird. Die Folgen hat Fernsehdirektorin Kathrin Zechner bereits vor einigen Wochen beschrieben. Die Donnerstagnacht läuft künftig am Dienstag nach den österreichischen Hauptabend-Krimis. Am Mittwoch, bisher für die Champions League reserviert, sollen Österreich-Produktionen laufen: Fiktionales, Doku-Soaps, Reportagen, Dokumentationen.

Format Doku-Soap aus der "totalen Banalisierung" herausholen

"Wir haben eine hervorragende Idee für eine Doku-Soap. Ich bin sehr optimistisch, dass wir eine Form gefunden haben, mit der wir das Schöne dieses Genres betonen und etwa zeigen, wie sich Menschen aus bestimmten Situationen retten und der Zuseher zugleich etwas dabei lernen kann. Wir wollen das Genre dabei aus der totalen Banalisierung und Zur-Schau-Stellung von Menschen herausholen und ein Mehrwertangebot bieten, ohne Mitmenschen vorzuführen. Zugleich arbeiten wir an einer Reportagereihe nach BBC-Vorbild, wo wir uns außergewöhnlicher Menschen und Interessen annehmen wollen, und wir werden den ersten Dokumentationsplatz auf ORF eins anbieten", berichtete Ströbitzer.

Angst, dass die Donnerstagnacht am Dienstag nicht funktioniert, hat der Programmentwickler nicht. "Angst ist kein guter Ratgeber. Ich empfehle jedem, angstfrei Programm zu machen, sonst kann es nicht funktionieren. Umfragen zeigen, dass der Dienstag bei den Menschen stimmungsmäßig ein Durchhänger ist. Wenn wir da ein Vitamin-Power-Lachmuskel-Paket auf den hervorragend laufenden Dienstag-Hauptabend setzen, ist das ein tolles Angebot, um mit guter Laune und viel Kraft durch den Rest der Woche zu kommen." 

Sport-Comedy zur Fußball-EM

Auf Comedy setzt man übrigens auch rund um Fußball-Europameisterschaft im Juni. Gemeinsam mit der Unterhaltungsabteilung wurde eine Sport-Comedy entwickelt. Ab dem Viertelfinale wird Viktor Gernot gemeinsam mit einem kleinen Team von Comedians die EM-Spiele im Anschluss an Fußballmatch und sportliche Analyse auf humoristische Weise Revue passieren lassen. "Lustige Szenen, Hoppalas, Pointen - so werden wir versuchen, den Fußballabend bis Mitternacht spannend und abwechslungsreich zu gestalten. Wir probieren hier etwas Neues. Wenn es funktioniert, kann das im Unterhaltungsbereich durchaus zu weiteren Spontanaktionen führen."

Mittagsmagazin

Beim geplanten Mittagsmagazin "sind wir mitten in der Entwicklung", sagte Ströbitzer. "Unser Ziel ist es, unsere Seher nach der 'Zeit im Bild um 13 Uhr', wo es mit rund 200.000 Zusehern einen starken Einschaltimpuls gibt, sehr gut weiterzubetreuen, indem wir sie mit einem informationslastigen und serviceorientierten Angebot versorgen. Die ZiB ist mit ihrer kompakten Information ein Anker, viele würden danach bleiben, denen wollen wir bis 14 Uhr eine Mischung aus Österreich-Information, Bundesländer-Beiträgen und Service bieten." Optimierungen sind daneben auch im ORF 2-Vorabend geplant.

"Wir schauen uns diese Zone an, weil sie so wichtig ist, um für den Hauptabend Publikum aufzubauen und noch mehr Leute zu halten, damit diese nicht abbiegen. Die drei Hauptzutaten zwischen 17 und 19 Uhr - Österreich-Information, Unterhaltung in der Jahreszeit sowie Konsumenten- und Serviceinfos - sollen jedenfalls erhalten bleiben." Sorgen, dass die Sendung "Konkret" zu einer Art "AK Aktuell" umgebaut werden könnte, zerstreute Ströbitzer. "Natürlich nicht, wie kommen Sie auf diese Idee." Die Projektleitung für die beiden Zeitzonen hat TV-Chronik-Chefin Brigitte Handlos übernommen, wie Ströbitzer bestätigte.

Vorabend in ORF eins

Noch etwas Zeit lassen will man sich mit den von Zechner geplanten Änderungen im ORF eins-Vorabendprogramm: "Wir haben im ORF eins-Vorabend derzeit kein Problem, sondern mit 'Mein cooler Onkel Charly' eine US-Top-Serie, die laufend noch die Quoten steigert. Außerdem ist die Entwicklung eines eigenen österreichischen Angebots für diese Zielgruppe nichts, was sich von heute auf morgen umsetzen lässt. Lieber denken wir etwas länger nach, bevor wir ein Format in den Markt setzen, das sich dann nicht bewährt. Und Mut wollen wir vor allem dadurch beweisen, wohlüberlegten, durchdachten Formaten dann auch Zeit zu geben, sich über eine ganze Saison auf Sendung zu entwickeln."

Die Devise für ORF eins laute "Lebenswelten junger Erwachsener erfassen, abbilden und präziser in die Lebenswelten der Zielgruppen hineingehen", für den Heimatsender ORF 2 bestehende "Stärken stärken", so Ströbitzer. Für das Gesamtprogramm würden "Live-Charakter, ereignisorientierte Schwerpunktsetzungen, thematische Sendestrecken über verschiedene Genres hinweg" immer wichtiger. Nur so könne Fernsehen in Zeiten von Festplattenrekordern, On Demand-Angeboten und Smart-TV konkurrenzfähig bleiben. Die Basis bilde dabei das Österreich-Programm. Ströbitzer: "Eine echte eigenproduzierte österreichische Sendung, egal ob in der Information oder in der Unterhaltung, ist mir immer lieber als irgendein Kaufprogramm, weil es uns letztlich von den anderen unterscheidbar macht." (APA, 15.5.2012)

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