Veränderte Gelsenpopulation erleichtert Viren das Überleben

20. Mai 2012, 12:02
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Probleme durch staugeregelte Flussbereiche - Wald- und Hausgelsen dominieren Stechmückenbestand zunehmend

Wien - Für den Ökologen Bernhard Seidel kommt die zuletzt von der AGES veröffentliche Erkenntnis, dass das West Nile Virus in Österreich bereits nachgewiesen wurde und wieder verschwunden sei, nicht überraschend. Durch bauliche Maßnahmen in und in der Umgebung von Flüssen hätten sich die Lebensbedingungen für heimische Insekten und Amphibien grundlegend verändert. Das komme vor allem Gelsenarten zu Gute, die mehrere Generation pro Saison erzeugen können, sagte der Wissenschafter. Aufgrund ihrer hohen Reproduktionsraten seien diese Stechmücken auch bessere Träger und Verbreiter für Viren.

Der Bau von Kraftwerken hat nach Seidels Studien tiefgreifende, aber bisher wenig beachtete ökologische Veränderungen in der unmittelbaren Umgebung heimischer Flüsse bewirkt. Der Grund dafür liege darin, dass es sich bei Flüssen wie etwa der Donau um Gebirgsflüsse handelt, die kontinuierlich Grob- und Feinmaterialien mit sich führen. Durch Kraftwerke und ihre Staustufen würde der kontinuierliche Transport von größeren Partikeln gestoppt, während sich die Feinsedimente schon kilometerweit vor den Barrieren am Boden absetzen. So entstünden "riesige Schlamm - und Feinsedimentbänke".

Bei Hochwässern werden Teile der Ablagerungen durch die höhere Schleppkraft des Wassers mitgerissen und setzen sich in ruhigeren Zonen wieder ab - also in überschwemmten Gebieten außerhalb des Flussbetts. Diese Feinsediment-Ablagerungen können "manchmal meterhoch" werden, wie Seidel erklärte. Das führe dort zu einer zunehmenden Versandung und Auflandung der Böden. Als Konsequenzen nennt Seidel, dass zahlreiche ehemals temporäre Gewässer in Augebieten das Wasser nach Überschwemmungen nun langfristig halten, da ein Abfließen durch den verdichteten Boden zum Grundwasser hin unterbrochen sei.

Veränderte Stechmückenfauna

In diesen somit permanent mit Wasser gefüllten Rinnen und Gräben vollzog sich in den letzten Jahren eine Veränderung von Lebensformtypen der Stechmückenfauna, so der Ökologe. Die typischen Überschwemmungsgelsen der kurzzeitigen Hochwasserereignisse würden nun von Wald- und Hausgelsen-Arten abgelöst, die mehrere Generation pro Saison erzeugen können, weil sie ihre Eier auf den permanenten und stehenden Wasserflächen ablegen.

Für die Stechmücken werfe das "Nichtfunktionieren der Ökologie" einen unerwarteten hygienischen Aspekt auf. Diese Arten seien früher in den Augebieten zahlenmäßig relativ unbedeutend gewesen, da sie dort "nichts zum Überwintern hatten". Sie würden heute aber an frostsicheren Stellen im angrenzend verbauten Gebiet überleben und die "neuen aber unnatürlichen Angebote zur Eiablage" dankbar und massenhaft annehmen. Da sie sich ganzjährig vermehren, seien sie auch epidemiologisch "extrem problematisch", meint Seidel. Die Tiere würden mehrmals im Jahr Blut saugen und sich dabei mit vormals exotischen Krankheiten, wie dem West Nile Virus in unseren Breiten infizieren, es über die Generationen weitervermehren und es zudem "über den Winter bringen".

"Ökologische und ökonomische Aufarbeitung überfällig"

Das vermehrte Auftreten dieses speziellen Stechmückentyps ist für den Wissenschafter ein letzter Nachweis in einer Reihe von biologischen Indikatoren für die tiefgreifenden ökologischen Veränderungen in Regionen staugeregelter Flüsse. "Es geht nämlich inzwischen um fehlende Kubatur für die Hochwasser-Retention, um fehlenden Flusslaufquerschnitt für den Hochwasserabfluss, um Veränderungen in der Begleitstrom- und Grundwasserdynamik, um die Wiederherstellung verschmutzter urbaner Infrastruktur und um ein unwissentlich künstlich erzeugtes Hygieneproblem mit heimischen Gelsen als Überträger von Krankheiten. Eine versierte ökologische und ökonomische Aufarbeitung dieser Problematik ist im hohen Maße überfällig ", so Seidel. (APA/red, derStandard.at, 19.5.2012)

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    Wo früher Überschwemmungsgelsen nach kurzzeitigen Hochwasserereignissen gediehen, vermehren sich heute Wald- und Hausgelsen-Arten, die mehrere Generation pro Saison hervorbringen  können.

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