Erste-Chef ist froh, dass 2011 vorbei ist

15. Mai 2012, 14:41
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Erstes Verlustjahr seit dem Börsegang 1997

Wien - Vor 1.867 Aktionären und 155 Inhabern von Partizipationskapital hat Erste-Chef Andreas Treichl in der Jahreshauptversammlung über das erste Verlustjahr seit dem Börsegang 1997 berichtet. "Ich bin froh, dass es vorbei ist", sagte Treichl.

Für die Stammaktionäre sei es eine bittere Pille, dass für 2011 die Dividende entfalle, sagte Treichl. "Das tut mir wirklich leid. Das bringt Ihnen nichts. Aber Sie wissen es wenigstens."

Während es für das Aktienkapital keine Ausschüttung gibt, werden die Partizipationsscheine sehr wohl bedient. Letzteres wird unter anderem mit der Vermeidung eines Reputationsschadens begründet.

Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrates

An der Spitze des Aufsichtsrates kommt es heute zu einem Wechsel. Heinz Kessler tritt als Vorsitzender es Kontrollgremiums aus Altersgründen ab. Seine Nachfolge wird am Nachmittag bestimmt. Dem Vernehmen nach dürfte Altrektor Georg Winckler neuer Bankpräsident werden. Die Zahl der Kapitalvertreter wird vorläufig von 12 auf 10 Mitglieder gesenkt.

Weil das seit Jahren dazu bilanzierte Sparkassenkapital - rund 1,5 Mrd. Euro - künftig wohl nicht mehr für die Erste-Bilanz angerechnet werden darf, baut die Bank durch einen Konzernumbau vor: Um einen wegen der neuen Basel III Regeln 2013 drohenden Abzug dieser 1,5 Mrd. Euro Eigenkapital ohne Kapitalaufnahme von außen zu verdauen, will die Erste Group  in der HV beschließen, auch die andere Seite der Bilanz (also die Risikogewichteten Aktiva der Sparkassen) zu dekonsolidieren. Allerdings ist das ein Vorratsbeschluss. Zumal Details über die neuen Basel-Kapitalregeln erst Ende Juni, möglicherweise erst ab Herbst, vorliegen dürften.

Die Erste war durch riesige Abschreibungen auf Ostbankenbeteiligungen und Wertpapiere sowie Derivative, vor allem Kreditausfallsversicherungen (CDS) im dritten Quartal tief in die roten Zahlen geraten. Das Gesamtjahr schloss auf Konzernebene mit 719 Mio. Euro Verlust. Das vierte Quartal und das heurige erste Quartal waren aber wieder positiv. "Wir werden sehr hart daran arbeiten, dass so etwas wie im 3. Quartal nie wieder passiert", versicherte Treichl. "Das Ergebnis des letzten Jahres entspricht in keiner Weise dem Standard der Erste Group".

Treichl denkt nicht an Rückzug aus Staatsfinanzierung

Die Erste Group denkt nicht an einen Rückzug aus der Staatsfinanzierung, sagte Treichl weiter.

Die Bank hat ihre vor zwei Jahren bei mehr als 2 Mrd. Euro gelegenen Anleihe-Positionen in Euro-Krisenländern ("PIIGS"; Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) auf mittlerweile 145 Mio. Euro reduziert (Nettoposition).

Treichl wurde in der Hauptversammlung gefragt, wie lange sein Haus überhaupt noch Anleihen von Staaten kaufen werde, die ihre Schulden nicht abtragen können.

"Schuldner, die nicht in unserer Region sind, bauten und bauen wir massiv ab", sagte Treichl. Der Erste-Konzern ist in Österreich und Osteuropa aktiv. "Dass wir uns völlig raushalten aus der Finanzierung von Staaten in unserer Region halte ich für unmöglich", sagte der Erste-Chef. "Mit dem Risiko müssen wir in der einen oder anderen Form leben. Das wird uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten begleiten."

Man könne nicht in Österreich tätig sein und sagen, man wolle keine Staatsschulden in dem Land übernehmen. "Das gleiche gilt für Tschechien oder Ungarn." Wollte man sich aus Kreditvergaben in einem Land zurückziehen, müsste man sich ganz aus dem Land verabschieden. Das wolle die Bank nicht, "da hätte man schon oft aus einem Land raus und reingehen müssen in den letzten hundert Jahren."

Den 719 Mio. Euro Verlust aus 2011 stellte Treichl heute den kumulierten Gewinn seit dem Börsegang 1997 von 6,6 Mrd. Euro gegenüber. Damit sei die Erste-Gruppe unter den europäischen Banken immer noch eine der besten, sagte Treichl - trotz der misslichen Entwicklung des Aktienkurses im Vorjahr.

2011 seien Bankaktien überall wieder unter Druck geraten. Die Investoren machten einen großen Bogen um diese Titel. Wie 2009 und 2010 redeten auch jetzt alle Banker, Regulatoren und Politiker von der großen Krise. Die Instabilität der Märkte habe die ganze Bankenbranche massiv getroffen. Und leider, so Treichl, seien Bankenbilanzen auch immer schwerer zu verstehen, nicht nur von privaten Anlegern. Auch von institutionellen Investoren.

Starker Jahresauftakt

Die Bank sei stark ins neue Jahr gestartet, sagte Treichl. Gepusht wird das Ergebnis im heurigen ersten Halbjahr auch von Sondergewinnen von mehr als 410 Mio. Euro wegen des Rückkaufs eigener Hybridanleihen - davon flossen im ersten Vierteljahr 250 Mio. Euro.

Treichl vor den Aktionären: "Wir kaufen unsere eigenen Papiere zurück und damit machen wir Gewinn. Ist die Welt nicht wunderbar? Aber wer soll das verstehen".

Treichls Vortrag wurde von vielen Privataktionären mit Applaus bedacht. In der HV wird auch die Emission von Wandelschuldverschreibungen fixiert, die abhängig von Kapitalquoten automatisch eine Wandlungspflicht in Aktienkapital auslösen. (APA, 15.5.2012)

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