Seehofer im Interview nach dem Interview: "Das können Sie alles senden"

15. Mai 2012, 12:48
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Der CSU-Chef gibt im ZDF ein Interview - Danach läuft die Kamera weiter - Seehofer: "Das können Sie alles senden"

Berlin - Einen Tag nach dem Wahldebakel der CDU im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen ist CSU-Chef Horst Seehofer mit der schwarz-gelben Koalition in Berlin hart ins Gericht gegangen. "Wir sollten etwas nicht schönreden, was nicht schön ist. Das ist die bittere Wahrheit, das war ein Desaster gestern", sagte Seehofer am Montagabend im ZDF-"heute-journal". Eindringlich forderte Seehofer Konsequenzen für die Arbeit der Koalition in Berlin. Das Besondere daran: Eigentlich war die Aufzeichnung des Interviews schon beendet. Dann beginnt eine Unterhaltung zwischen dem Moderator Claus Kleber und Seehofer, bei der der CSU-Chef mit seiner Kritik an der Schwesterpartei CDU nicht hinterm Berg hält. Als Kleber am Ende meint, die Unterhaltungen nach der Aufzeichnungen wären eigentlich immer die interessanteren Gespräche, sagt Seehofer: "Das können Sie alles senden."

Seehofer über die verlorenen Wahlen in NRW: "Meine Antwort ist schlicht darauf, dass wir jetzt nicht so tun, als wäre gestern nichts passiert, sondern wir müssen daraus Konsequenzen ziehen", sagte der CSU-Vorsitzende. "Ich bin nicht mehr bereit, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir müssen besser werden, auch in Berlin." Erneut forderte er ein Treffen der Parteivorsitzenden von CDU, CSU und FDP, um die dringendsten Probleme wie Energiewende, Vorratsdatenspeicherung und Betreuungsgeld zu lösen.

"Geschmolzen wie ein Eisbrecher in der Sonne"

Dem deutschen Umweltminister Norbert Röttgen, dem gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen, warf Seehofer schwerste Fehler und Versäumnisse vor. "Der Röttgen hat gegen die Frau (SPD-Ministerpräsidentin Hannelore) Kraft mit einem Verhältnis 37 zu 34 Prozent begonnen", sagte er im Hinblick auf die Ausgangsposition. "Und innerhalb von sechs Wochen ist das weggeschmolzen wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht."

Als größten Fehler bezeichnete Seehofer die fehlende Bereitschaft Röttgens, sich auch im Falle einer Wahlniederlage auf Nordrhein-Westfalen festzulegen. Er habe Röttgen gewarnt, dass es nicht dessen private Entscheidung sei, ob er nach Nordrhein-Westfalen gehe oder nicht, das träfe die ganze Union, sagte Seehofer. "Ich habe mit ihm gesprochen, persönlich und über die 'Bild'-Zeitung und persönlich hat er mich dann abtropfen lassen."

CDU will Wogen glätten

Seehofers harsche Worte blieben in der CDU nicht ungehört. Dort wird gerade versucht, die Wogen zu glätten. "Ich halte nichts von Drohungen, das bringt nichts in der Politik", sagte Unions- Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU) am Dienstag im Deutschlandfunk. "Man sollte das alles bitte ein bisschen runterhängen, das bringt nichts. Mit öffentlichen Drohungen werden wir mit Sicherheit keine bessere Stimmung für unsere Politik bekommen." Fuchs schlug vor, "sich vernünftig zusammenzusetzen und gemeinsame Linien zu finden, das ist der richtige Weg. Aber wenn man sich gegenseitig schon vor Kameras droht, glaube ich nicht, dass das das Klügste ist."

Beim FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler traf die Koalitionskritik Seehofers auf wenig Verständnis. "Wir haben ja gerade einen Koalitionsausschuss gehabt. Wir haben da sehr gute Ergebnisse gehabt", sagte der Vizekanzler am Dienstag im Deutschlandfunk. Es werde nichts verschleppt. "Wir sind jetzt gerade dabei, die auch in Gesetzesform dann konsequent umzusetzen."

Die Spitzen der schwarz-gelben Koalition hatten sich zuletzt im November getroffen. Die CSU pocht seit Wochen vor allem auf Tempo beim Betreuungsgeld für Kleinkinder, die zu Hause erzogen werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte nach der NRW-Wahl gesagt, im Bund gelte es nun, die Aufgaben anzugehen, "die vor uns liegen". Dazu gehörten Energiewende, Betreuungsgeld und Europapolitik. (APA, 15.5.2012)

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    Horst Seehofer nimmt sich in einem Interview mit dem ZDF kein Blatt vor den Mund.

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