Ukraine: Sport und Politik

Kolumne14. Mai 2012, 18:30
7 Postings

Die Besorgnis um die erkrankte Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko ist vollauf berechtigt

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: "Hütet euch vor faulen Kompromissen!" So ein verwerflicher politischer Kompromiss war im Sinne der Beschwichtigungspolitik die Teilnahme der demokratischen Staaten, auch der USA, an den Olympischen Spielen in Berlin 1936. Statt eines politisch wirksamen Boykotts konnte ein verbrecherisches Regime, das schon Zehntausende in Lager und Gefängnisse gesperrt hatte, durch Missbrauch des Sports "ein Fest der Völker und Fest der Schönheit" (so der Titel des berüchtigten Olympiafilms der Regisseurin Leni Riefenstahl) feiern. In seinem anregenden Buch Über Kompromisse und faule Kompromisse stellt der israelische Philosoph Avishai Margalit fest: "Ein Kompromiss, der ein rassistisches Regime etabliert oder stützt, ist Inbegriff der Niedertracht und Verwerflichkeit."

Der Teilboykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980 (immerhin durch 64 Staaten) wegen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan mag ein politisch korrekter, wenn auch höchst umstrittener taktischer Zug gegen die expansive Sowjetpolitik gewesen sein, doch blieb der Olympiaboykott letzten Endes historisch betrachtet bloß eine Episode. Anders lagen die Dinge im Falle Pekings 2008. Trotz des undemokratischen Charakters der letzten kommunistischen Großmacht waren die wirtschaftlichen und außenpolitischen Argumente gegen eine offene Brüskierung des aufsteigenden Reiches so stark, dass ein Boykott nicht einmal ernsthaft überlegt wurde. Allerdings konnte die Pekinger Führung im Gegensatz zum NS-Staat 1936 dank des weltweiten Netzes und der Blogger weder die TV-Bilder und den Informationsfluss lenken noch die Welt über die wirklichen Zustände hinters Licht führen.

Was ist dann die richtige Einstellung bezüglich der bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine, in jenem Land, wo eine geldgierige und zu allem entschlossene, skrupellose Clique um Staatspräsident Wiktor Janukowitsch die Oppositionspolitiker Julia Timoschenko, die ehemalige Ministerpräsidentin, und ihren Innenminister Juri Luzenko nach skandalösen Prozessen für lange Jahre verhaften ließ? Die Besorgnis um die erkrankte Timoschenko ist vollauf berechtigt. Die Hinweise auf die schlimmeren Haftbedingungen der gewöhnlichen Mitgefangenen oder auf Timoschenkos umstrittene Geschäftstransaktionen in der Wendezeit ändern nichts an der Tatsache, dass es in ihrer Regierungszeit keine politischen Prozesse gab und absolute Presse- und Versammlungsfreiheit herrschte.

Die Ukraine entfernt sich in einem bedenklichen Tempo von den Rahmenbedingungen, die in den westlichen Demokratien für die Rechtssicherheit, Presse und Versammlungsfreiheit, für Marktwirtschaft gelten. Ein Boykott jetzt wäre wohl ein falsches, möglicherweise sogar kontraproduktives Signal. Doch ich finde die Entscheidung westlicher Staats- oder Regierungschefs (etwa durch die Präsidenten Gauck, Klaus und Fischer), den Spielen fernzubleiben, für richtig und notwendig. Die EU wachte, wie stets in ähnlichen Fällen, zu spät auf, um der Gefährdung der Demokratie entgegenzuwirken. Es ist aber höchste Zeit, zumindest auf den verlogenen protokollarischen Aufputz für ein anstößiges Regime zu verzichten. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 15.5.2012)

Share if you care.