Wiener Autor Ernst Hinterberger gestorben

14. Mai 2012, 18:14

Mit der Fernsehserie "Ein echter Wiener geht nicht unter" rüttelte der Schriftsteller das österreichische Fernsehpublikum in den 1970ern auf

Dem ORF verhalf er mit seinen Schöpfungen zu größten Erfolgen.

Wien - Es brauchte eine Weile, bis Herr und Frau Österreicher den Mundl ertrugen, ihn mochten, über ihn lachten und ab dann - vermutlich bis ans Ende aller Tage - einmal im Jahr als Pflichtprogramm für Silvester nach ihm verlangten. Die Geschichten um den aufbrausenden Paradeproleten anno 1975 galten gar nicht so wenigen als Untergang des bis dahin von gesellschaftlichen Diskursen weitgehend unbehelligten Abendlandes. Jene im Westen sahen in der Person des tobenden Elektrikers Edmund Sackbauer vereint, was sie an Wien und den Wienern so verabscheuten - also so ziemlich alles. Das ostösterreichische Publikum war nicht minder abgestoßen - Arbeiter, die den Spiegel fürchteten, der ihnen vorgehalten wurde, Bürgerliche, weil sie nach jahrelanger Übung das Hinschauen auf Parallelwelten ohnehin verlernt hatten.

Wie dem auch sei: Das bis dahin stockbiedere Fernsehpublikum - und das waren zu jener Zeit praktisch alle Bewohner dieses Landes über zwölf Jahre - wühlte Ernst Hinterberger mächtig auf.

Gesellschaftskritik im Unterhaltungsfernsehen - das hatte es so noch nicht gegeben. Hinterberger führte sie mit Reinhard Schwabenitzky ein. Aus Salz der Erde wurde Ein echter Wiener geht nicht unter und des Autors größter Erfolg. Sprüche wie "Mei Bier is ned deppert" sind inzwischen mindestens ebenso Allgemeingut wie das Jahrzehnte später entstandene und auf andere Weise ebenso entlarvende (allerdings reale) " Wo woa mei Leistung?".

Der Schriftsteller gab den Arbeitern ihre Sprache, und es sagt viel über Ernst Hinterberger aus, dass er mit der Darstellung seines Mundls nie glücklich war: Zu laut war er ihm, sagte er. Er hätte sich einen nachdenklicheren Helden gewünscht, der Raum für die Probleme und Sorgen der Arbeiterschicht lässt, die ihm wichtig war, weil er selbst aus ihr kam.

Hinterberger wurde in Wien geboren, lernte Elektriker, besuchte die Polizeischule und begann im Sicherheitsbüro. Eine Sehschwäche ließ die Kieberer-Karriere früh enden. Als Hilfsarbeiter war er fortan giftigen Dämpfen ausgesetzt, die für schwere Lungenschäden und ein Erweckungserlebnis sorgten. In den Fabrikshallen überkam ihn aber nicht der heilige Geist - der war Arbeiterfamilien nie ein geeigneter Trost -, sondern der weit gnädigere Buddha. Mit ihm gelangte er in die Bibliotheken. Erste Bücher entstanden, mehr als zwanzig folgten, hauptsächlich in Wien spielende Krimis, etwa Jogging, Alleingang, zuletzt Blutreigen.

Der ORF verdankt Ernst Hinterberger neben Mundl mit Kaisermühlen Blues und Trautmann einige seiner größten Serienerfolge. Er fühlte sich von der Anstalt dennoch zusehends schlecht behandelt. Den Trautmann sah er verhunzt. Aus der Fortsetzung des Mundls stieg er schließlich aus.

Zwei Dinge waren in Ernst Hinterbergers letzten Jahren überlebenswichtig: die Lungenmaschine und der Buddha. Bis zuletzt lebte er in seiner kleinen Wohnung mit Blick auf den Margaretengürtel. Mehr brauche er nicht, sagte er, und man kaufte es ihm ab. Am Montag starb Ernst Hinterberger im Alter von 80 Jahren. (Doris Priesching, DER STANDARD, 15.5.2012)

Nachlese

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  • Autor von "Ein echter Wiener geht nicht unter", "Kaisermühlen Blues" und " 
Trautmann": Ernst Hinterberger starb 80-jährig.
    foto: standard/rudolf semotan

    Autor von "Ein echter Wiener geht nicht unter", "Kaisermühlen Blues" und " Trautmann": Ernst Hinterberger starb 80-jährig.

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