Pflanzen kämpfen nicht mit Zähnen

14. Mai 2012, 21:09
posten

... stehen aber in Konkurrenz um Ressourcen - am Freitag macht ein Aktionstag auf die Faszination und Wichtigkeit von Pflanzen aufmerksam

Wien - Mit dem "Fascination of Plants Day", der erstmals am 18. Mai (Freitag) begangen wird, wollen Wissenschafter auf die Faszination der Pflanzenwelt aufmerksam machen. Im Rahmen dieses Events wird Bundespräsident Fischer schon am Mittwoch in der Gartenbauschule Langenlois in Begleitung seiner Frau Margit eine Edelkastanie der Sorte "Margit" pflanzen.

Es ist ein riesiges Reich, mit weltweit rund 380.000 Pflanzenarten. Doch etwa jede Fünfte davon ist vom Aussterben bedroht, so die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN). Daran ist der Mensch nicht unbeteiligt, der die Lebensräume für bestimmte Pflanzen minimiert, so Organisatorin Eva Stöger von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien.

Auftakt

Der erste internationale "Fascination of Plants Day" wird von der European Plant Science Organisation (EPSO) organisiert und soll laut Veranstalter ab heuer jährlich stattfinden. Wissenschafter rund um die Welt wollen Menschen für die Pflanzenforschung faszinieren und bewusst machen, wie wichtig sie etwa für die Lebensmittelproduktion, Land- und Forstwirtschaft, aber auch für die Erzeugung von Medikamenten, Papier und Baustoffen sowie zur Energiegewinnung sei.

Möglichkeiten am Freitag

BOKU-Forscher werden am Freitag u.a. Besucher durch ihre Labors und Gewächshäuser führen und mit Computersimulationen zeigen, wie Wurzeln wachsen. Sie werden ihre Mikroskope am Bio-Bauernmarkt auf der Wiener Freyung aufstellen, um die Pollen im Honig zu analysieren. So kann man herausfinden, von welcher Sorte der Honig sei, erklärte Stöger.

Das Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) versuchte mit einem Schreib- und Zeichenwettbewerb, Kinder und Jugendliche für die Pflanzenwelt zu faszinieren. Die hundert Einreichungen werden am 18. Mai im Naturhistorischen Museum ausgestellt und die Gewinner geehrt.

Am Anfang der Nahrungskette ...

Pflanzen haben hoch entwickelte Zellen mit Zellkern und bilden neben Tieren, Pilzen und Einzellern eine Domäne im Reich der Lebewesen. Sie können sich sexuell fortpflanzen oder als Klone über Ableger vermehren. "Pflanzen produzieren die Nahrung, von der sowohl Tiere als auch Menschen leben, sie stehen am Anfang der Nahrungskette", erklärte Stöger, warum sie Pflanzen faszinierend findet. Mit der Energie aus Sonnenlicht verwandeln sie Wasser und Kohlendioxid in Zucker und Sauerstoff. Außerdem brauchen sie vor allem Stickstoff und verschiedene Mineralstoffe, die sie meistens über ihre Wurzeln aufnehmen.

Das beschauliche Bild vom harmonischen Nebeneinander in der Pflanzenwelt trügt mitunter. Pflanzen stehen genauso wie Tiere in Konkurrenz um das, was sie zum Leben brauchen, in ihrem Fall das Sonnenlicht und Mineralstoffe aus der Erde, so Stöger. Sie könnten vor widrigen Umständen nicht einfach davonlaufen, sondern müssen sich mit anderen Mechanismen helfen. "Die Reaktionen spielen sich aber oft auf molekularer Ebene ab und sind nicht so spektakulär wie im Tierreich." Pflanzen kämpfen nicht mit Zähnen, Hörnern und Krallen, sondern mit Gift und Stacheln oder indem sie einfach schneller wachsen als die Konkurrenz.

Wenn Krankheitserreger Pflanzen heimsuchen

"Ach so, Pflanzen haben das auch?", schildert die Pflanzenforscherin Margit Laimer (Boku) die übliche Reaktion, wenn sie erklärt, dass viele Pflanzen an Viren und anderen Krankheitserregern leiden. Von hundert Obstgehölzen, die sie in einem Forschungsprojekt untersucht hat, war nicht ein virusfreies dabei. Sie untersucht nun, wie man Nutzpflanzen vor Krankheiten schützen und sie heilen kann. Denn sie meint: "Wenn man eine Pflanze im großen Maßstab setzen will, muss man auch dafür sorgen, dass das Pflanzenmaterial gesund ist." 

Kommunikation

Pflanzen kommunizieren über Botenstoffe im Wurzelreich untereinander etwa über die Verfügbarkeit von Nährstoffen und wenn sie mit Krankheitserregern oder Fressfeinden in Berührung kommen. Aber auch mit Insekten und Tieren. So sind auch die für die Menschen so faszinierenden Blüten der Blumen, die etwa am Muttertag verschenkt wurden, ein in der Evolution erprobtes Mittel der Kommunikation.

Biopharmazeutische Forschung

"Egal wo man sich befindet oder was man gerade tut, es ist immer etwas aus Pflanzen in der Nähe. Das Papier, auf dem man schreibt oder die Baumwolle, die man am Leib trägt. Oder der Holztisch und der Sessel auf dem man sitzt. Es ist unglaublich, wie sehr wir von Pflanzen und pflanzlichen Materialien umgeben sind. Auch viele Medikamente stammen aus Pflanzen", so Stöger. Sie erforscht, wie man in Pflanzen Biopharmazeutika gegen Infektionskrankheiten und Krebs oder Impfstoffe herstellen kann. "Derzeit kann man das in Bakterien, Hefen und Säugetierzellen machen." Bakterien könnten aber nicht alle menschlichen Eiweißstoffe herstellen, und Säugetierzellen seien relativ teuer in der Haltung.

"Aus dieser Problematik hat sich die Idee entwickelt, Pflanzen dafür zu verwenden. Man hat herausgefunden, dass die hoch entwickelten Pflanzenzellen sehr komplexe Eiweißstoffe herstellen können, auch solche menschlichen Ursprungs." Das erste in Pflanzen hergestellte Biopharmazeutikum für die Anwendung am Menschen sei vergangene Woche zugelassen worden: ein in Karottenzellen hergestelltes Enzym für die Behandlung der Erbkrankheit Gaucher-Syndrom. (APA/red, derStandard.at, 14.5.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der erste internationale "Fascination of Plants Day" am Freitag will auf die Bedeutung von Pflanzen nicht nur für uns Menschen aufmerksam machen (im Bild eine Margeritenblüte).

Share if you care.