Schule ist nicht auf Individualisierung eingestellt

14. Mai 2012, 15:25
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Noch immer stark auf den "Normschüler" ausgerichtet - Tagung der Österreichischen Forschungsgemeinschaft in Wien

Wien - In einer Klasse steht der Lehrer Schülern mit den verschiedensten Voraussetzungen gegenüber: Buben und Mädchen, Schülern mit und ohne Migrationshintergrund und unterschiedlicher sozialer Herkunft. Die Schule ist aber noch immer "ganz stark auf den 'Normschüler' ausgerichtet", sagte Bildungspsychologin Christiane Spiel (Universität Wien) am Montag bei einer Pressekonferenz anlässlich eines Workshops der ARGE Bildung und Ausbildung der Österreichischen Forschungsgemeinschaft zu "Umgang mit Vielfalt im Bildungswesen". Bei der Tagung soll am Montag und Dienstag untersucht werden, wie heterogen das Bildungswesen ist und Modelle für einen Umgang mit dieser Vielfalt diskutiert werden.

Integration funktioniert "nicht ganz so toll"

Dabei sei schon die Datenlage zur Heterogenität der Schüler nicht ganz eindeutig, so Bilal Barakat vom Wittgenstein-Zentrum für Demografie in Wien. Über Hochbegabte etwa gebe es gar keine Daten; zur Migration wiederum existierten zwar relativ viele Daten, die aber etwa Lehrern für die Arbeit kaum etwas bringen. Generell sei das Problem, dass Messungen im Bildungsbereich aufwendig und teuer seien - "und wir wissen oft nicht genau, was wir messen", da es nicht vorab eine Forschungsfrage gebe, sondern einfach pauschal Daten gemessen werden.

Für Österreich zeigt etwa die PISA-Studie der OECD, dass die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund "nicht ganz so toll funktioniert", so Spiel. Auch bei den Geschlechtern zeigt sie Probleme auf: So haben Mädchen mehr Defizite bei Mathematik und Naturwissenschaften, während Burschen bei den Risikoschülern, die Probleme mit grundlegenden Fähigkeiten haben, überrepräsentiert sind.

Schule baut auf Nationalstaat auf

Aus Sicht von Albert Ziegler, pädagogischer Psychologe der Uni Erlangen-Nürnberg, sind die statistisch erfassbaren Unterschiede allerdings nicht am wichtigsten. "Das Ausmaß an Heterogenität wird dramatisch unterschätzt", glaubt er. In einer normalen Schulklasse gebe es Leistungsunterschiede im Ausmaß von vier bis fünf Jahren, ebenso bei der Intelligenz und der emotionalen Reife. Die pädagogischen Konzepte seien auf diese Vielfalt noch längst nicht abgestimmt, Konzepte für den Unterricht in heterogenen Gruppen gebe es im deutschsprachigen Raum "erst in Ansätzen".

Auch die auf Migranten spezialisierte Bildungswissenschafterin Ingrid Gogolin von der Uni Hamburg ortet Nachholbedarf: "Die Schule baut auf der Schule im Nationalstaat im 19. Jahrhundert auf. Dummerweise hat sich seither viel verändert." Es sitze nicht mehr nur der Normschüler in der Klasse, der einsprachig aufgewachsen ist und die Vorkenntnisse, um überhaupt lernen zu können, schon mitbringt. Die Schule müsse deshalb "Begabungen abseits vom Normalfall" suchen, statt auf Schwächen wie Probleme mit der Muttersprache zu fokussieren. "Die Frage ist, welche Fähigkeiten hat das Kind, mit denen das aktuelle Ziel erreicht werden kann", so ihre Losung. In Kanada oder Australien werde das bei der Integration von Migranten bereits umgesetzt.(APA, 14.5.2012)

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