Rassismusvorwurf: Frau wegen Warnschusses zu 20 Jahren Haft verurteilt

15. Mai 2012, 14:16
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Afroamerikanerin wollte sich vor häuslicher Gewalt schützen - Gleiche Staatsanwältin wie im Fall des erschossenen Trayvon Martin

Ein weiterer "Stand Your Ground"-Fall in den USA sorgt für Aufsehen. Das in Florida geläufige Gesetz erlaubt zivilen Personen, auf andere Menschen zu schießen, wenn sie sich ernsthaft bedroht fühlen. Betroffen ist in diesem Fall die Afroamerikanerin Marissa Alexander. Diese hatte einen Warnschuss in Richtung ihres sie mit Mord bedrohenden Ehemannes abgegeben. Vergangenen Freitag verurteilte das Gericht die Frau zu einer Haftstrafe von 20 Jahren.

Verbindung zu erschossenem Trayvon Martin

Die verhandelnde Staatsanwältin Angela Corey hatte im Fall George Zimmerman vorerst keine Anklage gegen diesen erhoben. Zimmerman war für eine sogenannte Nachbarschaftswache im Einsatz gewesen, als er Ende Februar den unbewaffneten afroamerikanischen Jugendlichen Trayvon Martin erschoss - angeblich aus Notwehr.

Mann drohte Alexander mit Umbringen

Die nun verurteilte Marissa Alexander hatte 2010 ihren eifersüchtigen und deshalb wütenden Ehemann nach eigenen Aussagen davon abhalten wollen, sie zu erwürgen. Erst habe sie versucht mit dem Auto zu fliehen. In der Garage hatte sie dann allerdings bemerkt, dass sie die Autoschlüssel vergessen hatte, und war mit einer Schusswaffe wieder ins Haus zurückgekehrt. Dort drohte ihr Mann, sie umzubringen, woraufhin Alexander in die Wand schoss.

Bei dem Schuss wurde zwar niemand verletzt, hinter der Wand hatten sich laut Anklage aber die beiden Kinder des Ehemanns aufgehalten, was die Anklage verschärfte. Anders als im Fall Martin lehnte die Staatsanwältin den "Stand Your Ground"-Einwand Alexanders ab, weil sie der Anklägerin zufolge im Fall einer "wahren" Todesangst geflohen wäre und nicht geschossen hätte.

Unschuld auf dem Prüfstand

Corey bot der Angeklagten drei Jahre Haft im Falle eines Schuldgeständnisses an. Alexander hatte sich allerdings dafür entschieden, ihre Unschuld beweisen zu wollen, und ist damit gescheitert. Gegen das Urteil protestierten zahlreiche Menschen. Unter anderem sangen die Demonstranten bei der Verhandlung für die angeklagte Mutter, bis sie aus dem Gerichtssaal verwiesen wurden.

Rassismus-Kritik

Corrine Brown, Floridas Vertreterin im US-Repräsentantenhauses, verglich das Vorgehen der Staatsanwaltschaft mit dem Fall Martin: "Die Botschaft ist, dass Schwarze vom System anders behandelt werden. Gerade einmal 50 Meilen entfernt in Sanford ist ein Weißer nach dem Mord an einem Schwarzen nicht einmal verhaftet worden, bevor die ganze Welt zu protestieren begann", wurde Brown von der "Los Angeles Times" zitiert.

Alexander werde das Urteil höchstwahrscheinlich anfechten, hieß es in US-Medien. (Maria von Usslar, derStandard.at, 14.5.2012)

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