Wirtschaftskrise: Wenn für Geld nichts zu kaufen ist, ist es nichts wert

Gastkommentar15. Mai 2012, 11:44
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Über die Konsequenzen des undifferenzierten Sparens und wie wirkliches Wirtschaftswachstum möglich wäre

Die drei im Zusammenhang mit den derzeitigen europäischen Krisen am häufigsten zu hörenden Begriffe sind Sparen, Schulden und Wachstum. Alle drei werden ungenau verwendet und ohne größere Zusammenhänge zu beachten.

Am Beispiel der aktuellen griechischen Situation soll diese Behauptung erläutert werden. Zuvor ist freilich zuzugeben, dass dafür auf keine anderen Informationen zurückgegriffen werden kann als auf die in den Medien verbreiteten.

Sparen

Wer spart, legt etwas Geld beiseite, um für spätere Gelegenheiten liquid zu sein. Doch das ist ja im öffentlichen Haushalt Griechenlands nicht der Fall. In Wahrheit werden Budgetposten gestrichen, um nicht noch stärker verschuldet zu werden. Dass damit der Misere nicht zu entkommen ist, war hier bereits vor drei Jahren dargelegt worden (derStandard.at 21.7.2009). Nun aber scheint sich die Ansicht durchzusetzen, dass neben dem "Sparen" auch "Wachstum" anzustreben sei.

Schulden

Geliehenes Geld auszugeben bedeutet Geldeinnahme für andere. Die entscheidende Frage ist aber, wofür das Geld ausgegeben wurde - für Bereiche, die die gesellschaftlichen Lebensbedingungen sichern und günstigenfalls verbessern, oder für etwas, was nicht zur Verwirklichung dieses Grundwerts beiträgt. Zweifellos sind Ausgaben zur Modernisierung der staatlichen Verwaltung ("Strukturreform") und zur Verbesserung der allgemeinen Infrastruktur sinnvoll. Beispielsweise Kredite aufzunehmen, um das chaotische griechische Steuermanagement mit Hilfe zeitgemäßer Datenverarbeitung transparenter und effizienter zu machen, ist sinnvoll. Gleiches gilt, um Versorgungssysteme, ohne die weder Privathaushalte noch Unternehmen auskommen, auf den neuesten Stand zu bringen.

Darlehen solcher Art als "einzusparende Schulden" zu verdammen trägt zur Verschlimmerung der Misere bei, statt sie zu beheben. Doch der griechische Staat häufte echte Schulden an, weil der Ausgleich von Einnahmen (Gebühren, Abgaben, Steuern) und Ausgaben nicht beachtet wurde. Laut einem Bericht des Deutschen Fernsehens (ZDF, "Die Griechenland-Lüge", 8.5.2012) sollen beispielsweise die besonders reichen Griechen Euro-Milliarden in dreistelliger Höhe unversteuert ins Ausland gebracht haben.

Wachstum

In dieser Situation undifferenziert zu "sparen", so dass arbeitsfähige Menschen entlassen werden, hat Konsequenzen: Es wird weniger an Gütern und Diensten geleistet, und gleichzeitig fällt Kaufkraft der nunmehr Erwerbslosen aus. Die Folge ist einerseits eine allgemeine Verarmung der Privathaushalte, und andererseits ist eigentlich klar, dass so kein "Wachstum" zu erreichen ist: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt, so dass eine eigenständige Schuldenverringerung verunmöglicht wird. Abgesehen davon bedeutet das sogenannte Wachstum nicht unbedingt, dass eine bessere wirtschaftliche Versorgung verwirklicht würde, da es am BIP gemessen wird und dieses am Geldumlauf: Das BIP entspricht der Gesamtsumme der Bruttoausgaben der Endverbraucher für inländische Leistungen zum Kaufpreis. Das heißt: Weniger Geldgebrauch durch "Sparen" und Schuldenrückzahlung an Gläubiger durch Neuverschuldung resultiert in weniger BIP-Wachstum.

Wie es möglich wäre

Wirkliches Wirtschaftswachstum im Sinne besserer Versorgung wäre hingegen anzustreben und möglich: Der gegebene Bedarf zur Sicherung und Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen müsste mit dem ungenutzten Leistungsvermögen qualifizierter Arbeitskräfte (zu denken ist an die sehr hohe akademische Erwerbslosigkeit) sowie modernisierter staatlicher Verwaltung und privater Betriebe durch Geld (auch durch Darlehen!) vermittelt werden.

Nur wenn Kredite in dieser Weise genutzt werden, entstehen Leistungen, die jedem Geld ja erst seinen Wert geben: Wenn für Geld nichts zu kaufen ist, ist es nichts wert. Es kommt folglich volkswirtschaftlich und politisch darauf an, Geld - auch geliehenes - als Mittel zur Organisation des Entstehens, der Verteilung und der Nutzung von Leistungen (Güter, Dienste) zu begreifen und nicht als Zweck aller Bemühungen misszuverstehen: Wer falsch denkt, kann nur zufällig richtig handeln. (Gastkommentar, Paul Kellermann, derStandard.at, 15.5.2012)

Autor

Paul Kellermann ist Professor am Institut für Soziologie, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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