Blick zurück und nach vorn

13. Mai 2012, 20:20
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Zum 35-Jahr-Jubiläum wartete "Aspekte Salzburg" mit nicht weniger als 19 Uraufführungen und einer Opernpremiere auf: Bergs "Wozzeck" spielt das Landestheater in zugespitzter Form

Salzburg - Ein trostloser Raum, irgendwo zwischen Männerwohnheim und Militärspital: Hier siedelt Regisseurin Amélie Niermeyer ihren "Wozzeck" an. Statt dem Teich eine Reihe von Waschbecken, kein Mond, doch ein gleich zu Beginn zertrümmerter Spiegel (Bühnenbild: Stefanie Seitz). Allgegenwärtig sind die menschlichen Abgründe, von denen im Libretto die Rede ist, ständig präsent auch das Kind von Marie und ihre Nachbarin Margret (Emily Righter), die zur Hilfskraft des Hauptmanns (Dietmar Kerschbaum) mutiert und dessen sexuellen Begierden ausgesetzt ist.

Ungewöhnlich drastisch ist die Sicht auf Alban Bergs Oper, die das Salzburger Landestheater seit Freitag zeigt, und so klingt sie auch: Leo Hussain dirigiert eine stark reduzierte Fassung für ein 21-köpfiges Ensemble von John Rea, die unter den gegebenen akustischen Bedingungen mit dem Mozarteumorchester eine gewaltige Schlagkraft entfacht.

Sich von der Bühne her dem gegenüber durchzusetzen, ist nicht ganz leicht: Leigh Melrose als diabolischer, hintergründiger Wozzeck bewältigt dies stimmlich besser als Frances Pappas, die allerdings die Beklemmtheit und die Hoffnungsschimmer der Marie plastisch verkörpert. Und eines gelingt allen Beteiligten zusammen: den historischen Abstand zur Oper und ihrem Sujet gänzlich vergessen zu machen.

Dass sich ein Neue-Musik-Festival so stark auf die Wurzeln der Moderne besinnt, ist ungewöhnlich. Absolut schlüssig haben sich aber die "Aspekte Salzburg" zu ihrem 35-Jahr-Jubiläum zu einer Rückschau auf Anton Webern und sein Umfeld entschlossen und neben Berg und Schönberg sogar Musik von Erich Wolfgang Korngold auf ihr Programm gesetzt.

1977 von Klaus Ager gegründet, geht das Festival unter der Leitung von Ludwig Nussbichler nun neue Wege und versucht Brückenschläge in alle erdenklichen Richtungen: etwa mit einem Projekt von Geiger Benjamin Schmid, der nach einem klassischen Konzertteil bei augenzwinkernden Wienerlied-Neukompositionen von Georg Breinschmid mitwirkte.

Jemand, der sich ebenfalls ausgiebig am schwarzen Humor des Wienerlieds abgearbeitet hat, saß währenddessen im Publikum: Dem Doyen unter den österreichischen Komponisten Friedrich Cerha war ein ausgiebiges Porträt gewidmet, das Kontinuitäten und Gegensätze zwischen seiner Arbeit und der Wiener Schule Schönbergs, Weberns und Bergs aufzeigte - etwa mit dem stadler quartett, dem österreichischen ensemble für neue musik, dem Ensemble "die reihe" und dem Zebra-Trio von Ernst Kovacic.

Deutliche Öffnung

Trotz des Schwerpunkts auf Wien kamen allerdings ebenso ausführlich aktuelle Salzburger Positionen zu Wort, vor allem mit einem Gutteil der insgesamt 19 (!) Uraufführungen innerhalb von fünf Tagen. Orientierungspunkte in der Tradition waren dabei zuweilen deutlich auszumachen, die "Inspiration Webern", von der das Festivalmotto sprach, und dessen unverminderte Aktualität ebenso offenkundig.

Eine deutliche Öffnung zeigten die "Aspekte Spielräume" mit ihrem Podium für Kinder und Jugendliche, auf dem die Ergebnisse von zwei Wettbewerben bestaunt werden konnten. "Jugend komponiert" brachte zwei erste Preisträgerinnen hervor: Flora Geißelbrecht (Jahrgang 1994), die vielversprechende klangliche Auflösungsfelder schrieb, sowie Anastasia Daria Welitschko (Jg. 1993), die gleich zwei Auszeichnungen erhielt, nämlich auch als Pianistin des Wettbewerbs "Prima la Musica". Dessen Preisträger präsentierten sich im Solitär der Universität Mozarteum ebenfalls im besten Licht. In der Zukunft möchte das Festival mit Kompositionsaufträgen weitere Akzente setzen. (Daniel Ender, DER STANDARD, 14.5.2012)

  • Diabolischer Antiheld in drastischer Bühnenumgebung: Leigh Melrose (Mi.) als Wozzeck am Landestheater Salzburg. Hier hatte Bergs Oper im Rahmen des Festivals "Aspekte" Premiere.
    foto: landestheater salzburg

    Diabolischer Antiheld in drastischer Bühnenumgebung: Leigh Melrose (Mi.) als Wozzeck am Landestheater Salzburg. Hier hatte Bergs Oper im Rahmen des Festivals "Aspekte" Premiere.

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