Seidenweich in den Abgrund

13. Mai 2012, 20:10
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Daniel Barenboim und die Philharmoniker

Wien - In nicht allzu guter alter Tradition muss man dem Opernprogramm der Wiener Festwochen und dem Konzertprogramm dieses Festivals (autonom und wechselweise von Konzerthaus und heuer vom Musikverein ausgerichtet) jeglichen thematischen Zusammenhang absprechen. Immerhin aber ist es heuer möglich, beim Konzertprogramm so etwas wie ein geheimes Motto herauszufiltern - es trägt schlicht den Namen Daniel Barenboim.

Der musikalische Universalist hat Anna Netrebko für die Festwochen begleitet. Und er wird nach diesem Mozart-Konzert mit den Philharmonikern ein weiteres "philharmonisches" hinzufügen, um sich bald danach Schönberg und Debussy vorzunehmen. Bis er schließlich im Juni mit seiner Staatskapelle Berlin Mozarts Klavierkonzerte (auch als Solist) mit allen Bruckner-Symphonien kombinieren wird. Also in weiteren neun Konzerten.

Wie das durchgestanden wurde, wird sich weisen. Vorerst lässt sich behaupten, dass Barenboim bei Mozart seine klangsensitive Gestaltungsseite elegant ausspielen konnte. Er animierte die Philharmoniker zu singendem Legatospiel, ließ die Energie dieser Musik berückend fließen, und alles Zierliche, das an die Oberfläche gelangte, war bei weitem nicht nur Selbstzweck. Es beeindruckt, wie sich im ersten Satz der Symphonie Es-Dur, KV 543, plötzlich ein melancholischer Abgrund auftut oder wie in der Symphonie g-Moll, KV 550, im zweiten Satz ein dramatischer Einschlag ins Poetische erfolgt - im Sinne farblicher Kontraste.

Die Nachteile dieses Ansatzes, in dem emotionale Reize im Vordergrund stehen, gibt es natürlich auch. Da kann es schon ein bisschen verschwommen schön klingen, mitunter auch, wie im zweiten Satz der Symphonie C-Dur, KV 551, behäbig, wenn Barenboim quasi nur das Seidenweiche dieser Musik sucht. Im Großen und Ganzen aber wird hier aus der großen Musikalität heraus effektvoll gestaltet. Da die Philharmoniker all ihre Ausdrucksqualitäten zwischen sanft und kultiviert-ruppig konzentriert zum Einsatz brachten, war letztlich doch alles gut.   (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 14.5.2012)

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