"Vivan las Antipodas!": Ein Felsen, der andernorts ein Wal ist

13. Mai 2012, 20:08
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Im Dokumentarfilm "Vivan las Antipodas!" verbindet Regisseur Victor Kossakovsky vier globale Antipoden-Schauplätze zu einem visuellen Gedicht

 In diesem werden Mensch und Wal, Stein oder Kondor gleichwertig.

Wien - "Wie kalt ist es bei Ihnen?", will Victor Kossakovsky wissen. Die erste Frage zielt auf einen Temperaturabgleich. "Minus neun Grad", antwortet der Interviewer. "Glückspilz!", ist es vom anderen Ende der Leitung zu vernehmen. Kossakovsky, einer der bedeutendsten russischen Dokumentarfilmemacher, lebt in St. Petersburg, wo im Februar, zum Zeitpunkt des Gesprächs, minus 22 Grad herrschen. Was das konkret bedeutet, kann sich der an Kossakovskys Werk interessierte Zuschauer auch deswegen gut vorstellen, weil dieser manchmal einfach seine unmittelbare Umgebung filmt.

In Tische! (2002) montierte er ausschließlich Aufnahmen aus dem Fenster seiner Wohnung zu einem Film der erhaschten Augenblicke. Über den Zeitraum eines Jahres hinweg konnte man darin etwa beobachten, wie im Zuge von Bauarbeiten ein Loch in den Asphalt gerissen wird und so nachlässig wieder geschlossen wird, dass die Arbeit mehrere Male wiederholt werden muss. "Ein Stück Asphalt", sagt der 50-jährige Filmemacher, "kann für mich die ganze Welt beinhalten." Kossakovsky ist ein Regisseur mit verblüffender Beobachtungsgabe, doch hinsichtlich weit in die Ferne führender Bewegungen war er bisher ein Minimalist.

Umso mehr erstaunt es, dass er mit Vivan las Antipodas! nun einen Film mit gleich acht globalen Schauplätzen realisiert hat. Dem ersten Anschein nach handelt es sich um die Erfüllung eines Kindheitstraums: Wie, so fragt der Film, sieht es auf dem genau gegenüberliegenden Punkt eines Ortes aus? Vier solcher Antipoden-Paare hat Kossakovsky ausgewählt, hat vier unsichtbare Verbindungslinien von Hawaii bis Botswana, von Chile bis Russland oder von Argentinien bis China gezogen und miteinander verknüpft. Das Ergebnis ist kein gängiger Dokumentarfilm, sondern eher ein visuelles Gedicht, das sich von Assoziationen und anderen bildlichen Ideen leiten lässt. Kossakovskys Motivation für den Film verdankt sich somit keiner Idee von Globalisierung, sondern ist das Resultat einer Übersättigung mit Bildern: "Wir machen mittlerweile einfach zu viele Filme. Es ist so schwierig geworden, überhaupt noch ein Publikum zu finden oder nur zu entscheiden, was gut und was schlecht ist. Wir verschmutzen den Planeten mit visuellem Müll."

Neue Weltbetrachtung nötig

Deshalb ist Kossakovsky davon überzeugt, dass es ein Fehler sei, heutzutage noch "normale, gute Filme" zu produzieren. Eine andere Form von Weltbetrachtung wird notwendig - eine, die dem Zuschauer neue Blickwinkel anbietet. Sieht er sich gar als Nachkomme seines Landsmannes Dziga Vertov, des Avantgardisten des sowjetischen Kinos, der in Der Mann mit der Kamera einst die Möglichkeiten des technischen Überauges gefeiert hat? "Vertov ist wichtig, aber auch sein Antipode, Robert Flaherty: Der perfekte Dokumentarist würde Qualitäten von beiden vereinen."

In Vivan las Antipodas! ging es auch darum, alle Eindrücke gleichwertig zu behandeln und spontan auf die Umgebung und die jeweiligen Verhältnisse zu reagieren: "Wenn es windig wurde, filmten wir den Wind. Dasselbe galt für Wolken, Schnee, Regen. Wir sind den Launen der Natur gefolgt", erzählt Kossakovsky. "Mensch und Wal, Stein und Schmetterling, Kondor und Hund - alles hatte die gleiche Bedeutung." Tatsächlich widersetzt sich der Film verbürgten Sehkonventionen und einem anthropozentrischen Blick. Manche Einstellungen sind auf den Kopf gestellt, manchmal greift die Kamera die Bewegung von Tieren auf, manchmal lässt sie sich von Bildoberflächen leiten.

Die schönsten Momente entstehen in lyrischen Montagefolgen wie jener, in welcher der langsame Tod eines gestrandeten Wals in Neuseeland sein Echo in einem in seiner Form verblüffend ähnlichen Felsen findet, der in Spanien steht. "Die meisten Bilder verdanken sich der Inspiration direkt beim Filmen. Ich habe in jedem Land fünf, sechs Geschichten gedreht", erzählt Kossakovsky. Beim Montageprozess stellte sich dann jedoch rasch heraus, dass es oft nur einen einzigen Weg gibt: "Wenn man auf der einen Seite gestockte Lava sieht und auf der anderen die Haut eines Elefanten, dann ist die Verbindung so stark, dass die anderen Geschichten keine Bedeutung mehr haben. Die visuellen Verbindungen waren das Wichtigste."

Eine Idee von Humanität

Eine gewisse Tendenz zum Vergleich findet sich schon in einer früheren Arbeit des Regisseurs, der Trilogie der Liebe (Ja was ljubil, 2001), in der er die Gefühlswirren in unterschiedlichen Altersstufen dokumentiert. Vivan las Antipodas! ist nicht nur ein Film über unterschiedliche Zeitzonen, er erzählt auch vom Leben in gegensätzlichen Geschwindigkeiten - mit einer gewissen Vorliebe für die Abgeschiedenheit und Langsamkeit. Obwohl er Botschaften im Kino nicht schätzt, wollte Kossakovsky eine Idee von Humanität vermitteln: "Wir akzeptieren Menschen mit anderen Sichtweisen meistens nicht und drängen sie dazu, so zu leben wie wir. Meiner Meinung nach müssen wir mehr Respekt füreinander aufbringen."    (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 14.5.2012)

  • Eine neue Form von Weltbetrachtung sei notwendig, meint der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky, und löst dies mit "Vivan las Antipodas!" gleich ein Stück weit ein.
    foto: thimfilm

    Eine neue Form von Weltbetrachtung sei notwendig, meint der russische Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky, und löst dies mit "Vivan las Antipodas!" gleich ein Stück weit ein.

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