Eine gefallene Zirkusprinzessin unterwegs

13. Mai 2012, 19:49
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Witzig und leicht: Hollywood-Star Cate Blanchett gefiel in Botho Strauß' "Groß und klein" als Frau auf der Suche - mit Stimmakrobatik und Slapstick

 Satter Applaus bei der Premiere der Wiener Festwochen.

Wien - Die Wiener Festwochen machen in diesem Jahr gleich zum Auftakt deutlich, dass sie der tieftraurigen deutschsprachigen Dramenliteratur ein paar Glückspillen verabreichen wollen. Dem zur Depression neigenden Europa - eine Diagnose auch der weitgereisten Schauspielchefin Stefanie Carp - kann geholfen werden! Allein die Tatsache, dass ein rätselhaftes Stück wie Groß und klein des konservativen und heute weitgehend aus der Mode geratenen Autors Botho Strauß plötzlich wie frisch getrimmt daherkommt, stimmt froh.

Das Stationendrama Groß und klein (1978), von Martin Crimp für die Festwochen-Koproduktion grob ins Englische übertragen (Big and Small), treibt eine bemitleidenswerte Frau durch die deutsche Provinz vor sich her. Lotte-Kotte, dieser Name ist nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal, ist eine eigentümliche Frauengestalt. Sie trägt als in Scheidung befindliche, arbeitslose Mittdreißigerin eines der irdischsten Schicksale und kommt in ihrem gütig-verrückten Wesen doch von einem anderen Stern. Insofern war die Besetzung mit dem australischen Hollywood-Star Cate Blanchett gar keine schlechte Idee. In insgesamt neun Vorstellungen bis 20. Mai ist die Schauspielerin mit ihrer und ihres Mannes (Andrew Upton) Sydney Theatre Company nun noch in Wien zu sehen.

Viel Licht macht Strahlen

Das viele Licht, das im Unterschied zu den zahlreichen Nebendarstellern in dieser Inszenierung von Benedict Andrews (Luc Bondy musste die Regie krankheitsbedingt abgeben) vor allem Cate Blanchett erstrahlen lässt, hat nicht nur Superstargründe, sondern religiöse. Das von Bibelzitaten unterminierte Stück zeigt nämlich eine "Heilige" inmitten der Durchschnittsbürgerschaft (gegen Ende hin spricht sie von sich als eine von 36 "Gerechten", die Gott auf die Erde entsandt habe). Lotte-Kotte nimmt ihr Unglück in Kauf, und macht es dadurch den anderen leichter.

Stünden da in hiesigen Inszenierungen schwere Gesten an, tänzelt Blanchett wie ein zwar in Sack und Asche gehüllter, aber fast schelmischer Clown (Kostüme: Alice Babidge) von Saarbrücken nach Essen und Hörnum, um erkennen zu lassen: Die Leute sind nicht nett, keiner lässt mich hinein. Immer wieder sind es Schwellen, an denen Lotte-Kotte der kalte Wind der Neid- und Spießergesellschaft anweht. Die Welt um sie herum bleibt meist leer und schwarz (Bühne: Johannes Schütz): versperrte Türen, besetzte Zimmer, ein Schlafzimmerfenster, dessen Vorhang zugezogen wird, oder ein Mietshaus, dessen Sprechanlage unfreundliche Töne zu Lotte nach unten sendet.

Die Unüberbrückbarkeit zwischen den Menschen macht hier - ähnlich wie bei Robert Lepage - die Technik deutlich (Diktafon, Telefonzelle etc.). Und nicht nur das weist diese kurzweilige, aber schlussendlich auch auf Distanz bleibende Inszenierung als außereuropäisches Produkt aus: Hier wird nicht nur mit exquisiter Technik, sondern insbesondere mit Körper- und Stimm-Slapstick gearbeitet. Beides beherrscht Cate Blanchett auf bestechende Weise.

Kraftvoll schiebt sie so den dreistündigen Abend an, versucht zum Beispiel neckisch, den unabsehbaren Manövern eines wandernden Campingzelts zu entrinnen, oder kullert beschützend auf dem dicken Körper eines zurückgelassenen Teenagers herum. Das alles ist der Rätselhaftigkeit von Lotte-Kottes Dasein zuträglich. Und zugleich steckt in dieser scheinbar leichthändigen Darstellung Blanchetts auch Tragik.

Der "hohe Ton" des Botho Strauß, den der Literaturkritiker Jörg Drews einst, durch die Blume gesagt, als "idiosynkratischen Manierismus" gebrandmarkt hat, verflüchtigt sich in dieser englischsprachigen Fassung einigermaßen. Zumindest hat Übersetzer Crimp auf fast provokante Art zeitgenössisches Vokabular à la E-Mail und Attachment eingeschleust (ob das Botho Strauß gefällt?). Und trotz dieser "Hilfestellungen" wird man dieses Stücks und seiner zeitlosen Hauptfigur nicht so recht habhaft. Zweifellos wirken Lottes Sprachdefekte in fremder Sprache nicht so gut.

Cate Blanchetts Kunst aber half darüber hinwegzusehen, so wie man, ihrer ansichtig, geneigt war, über das Stück an sich hinwegzusehen. Schließlich gab es eine Frau zu beobachten, die der Schauerlichkeit und dem Mut Ausdruck verlieh, den eine gefallene Zirkusprinzessin dringend braucht. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 14.5.2012)

Bis 20. Mai

  • Ganz auf sich allein gestellt, und trotzdem nicht traurig: Lotte-Kotte (Cate Blanchett) in der Festwochen-Koproduktion von Botho Strauß' "Groß und klein" im Museumsquartier.
    foto: lisa tomasetti

    Ganz auf sich allein gestellt, und trotzdem nicht traurig: Lotte-Kotte (Cate Blanchett) in der Festwochen-Koproduktion von Botho Strauß' "Groß und klein" im Museumsquartier.

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