Bodenständige Herzdame der Sozialdemokratie

Kopf des Tages14. Mai 2012, 23:17
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Hannelore Kraft triumphiert in Nordrhein-Westfalen

Man stelle sich vor, die gebürtige Hannelore Külzhammer hätte vor zwei Jahrzehnten nicht Herrn Udo Kraft geheiratet, sondern einen Mann namens Schwach. Nicht auszudenken, wie der politische Gegner diesen Namen im Wahlkampf verwendet hätte.

So aber wurde aus dem Mädchen aus dem Ruhrpott Hannelore Kraft, und damit konnte die SPD Jahre später im Wahlkampf einiges anfangen: Kraftwerk, Kraftpaket, Tatkraft - was lassen sich damit nicht für schöne Wörter bilden!

Jetzt, nach diesem Triumph bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen, passt das auch noch alles. Zwar betonte die Ministerpräsidentin, dass der Erfolg der SPD ein Sieg aller Genossen sei. Aber sie weiß genau, dass sie selbst maßgeblich dazu beigetragen hat.

Kraft verkörpert offensichtlich die SPD so, dass es bei den Wählern sehr gut ankommt. Schon die biografischen Grunddaten passen: Die 51-Jährige stammt aus einfachen Verhältnissen, ist Tochter eines Straßenbahners. "Ich biss mich durch", sagte sie einmal über ihren Werdegang. Sie studiert in Duisburg und London Wirtschaftswissenschaften, tritt 1994 in die SPD ein.

Unter den Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (SPD) und Peer Steinbrück (SPD) ist sie in Düsseldorf Ministerin für Europaangelegenheiten und Wissenschaft. Dann passiert 2005 das für viele Sozialdemokraten Unvorstellbare: Nach 39 Jahren wird die SPD in Nordrhein-Westfalen abgewählt, muss in Opposition. Plötzlich sind all die starken Männer weg, auch die Mitglieder laufen davon.

Kraft macht sich an den Wiederaufbau, "Trümmerfrau" nennt man sie. Sie übernimmt 2005 die Fraktion, 2007 die Landespartei, von Anfang an kann sie gut mit den Leuten. Ihr Credo ist der vorsorgende Sozialstaat: lieber gleich mehr Geld für die Schwächeren in die Hand nehmen als später Folgekosten zahlen.

2010, als sie Ministerpräsidentin wird, fällt vielen plötzlich auf: Die ist ja wie Kanzlerin Angela Merkel, nur viel herzlicher; lange unterschätzt, aber wenn es drauf ankommt, beinhart und sehr durchsetzungsstark.

Ausgerechnet die Loveparade-Katastrophe in Duisburg mit 21 Toten lässt ihre Sympathiewerte noch mehr steigen. Bei der Trauerfeier im Sommer 2010 findet sie die richtigen Worte - zumal auch sie nach dem Unglück stundenlang auf eine Nachricht ihres 17-jährigen Sohns wartete. Seither haftet ihr jener Begriff an, der deutlich öfter lobend als spöttisch erwähnt wird: Landesmutter. (Birgit Baumann /DER STANDARD, 15.5.2012)

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