"Klarheit" in Erwin Prölls "own country"

Analyse13. Mai 2012, 17:38
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Zehn Monate vor der Landtagswahl in Niederösterreich wählten die Schwarzen Erwin Pröll mit 98 Prozent erneut zum Parteichef - Dieser schwor sie auf den Wahlkampf ein: Bloß nicht zurücklehnen, lautet die Devise

Böheimkirchen - Bescheidene Inszenierungen sind die Sache der niederösterreichischen Volkspartei nicht. Da wird die Produktionshalle einer Holzfirma ausgeräumt und in Blau-Gelb getaucht, jede Gefühlsregung auf überlebensgroße Leinwände projiziert und ein minutiöser Regieplan erstellt, der natürlich einzig und allein auf ihn zugeschnitten ist: Erwin Pröll. Seine Wiederwahl als Landesparteiobmann steht an. In zehn Monaten schlägt er seine wahrscheinlich letzte Landtagswahl. Und bei der, so wird zwischen den großen Holzstapeln suggeriert, geht es um alles. Um das Land. Um Erwins "own country".

Aber der Reihe nach. Zu Beginn des Parteitags darf sich Bundesparteiobmann Michael Spindelegger - "der Michel", wie ihn Pröll später nennen wird - seinen Applaus abholen. In der Frage der transparenten Parteienfinanzierung habe ihn der Landeshauptmann vor sich hergetrieben, wurde in den letzten Tagen geunkt. "Gute Kooperation" nennt das Spindelegger, der im Gegenzug verspricht, "der Jagdgesellschaft auf Erwin Pröll den Kampf anzusagen". Jubel in der Holzhalle. Keine alltägliche Reaktion auf Ansagen des Chefs der krisengebeutelten Schwarzen.

Dann betritt Landesgeschäftsführer Gerhard Karner die Bühne, und wie im politischen Tagesgeschäft greift er in die Vollen, wenn es darum geht, auf die politische Konkurrenz hinzuhauen und die eigenen Parteifreunde in Wallung zu bringen. Wer genau zuhört, erkennt bereits die Argumentationslinie für den Wahlkampf: Die Freiheitlichen - die am Samstagvormittag übrigens Barbara Rosenkranz als Landesparteichefin wiedergewählt haben - würden nur vor der Wahl groß reden, um nach der Wahl groß abzukassieren. Das sei man von ihnen ja gewohnt. Richtig in Rage gerät Karner aber erst, wenn es um seinen roten Lieblingsgegner geht, für ihn eine zerstrittene Partei im Dauerwahlkampf. Glimpflich kommen hingegen die Grünen davon, die seien "grau geworden", befindet Karner verhältnismäßig zahm.

Pathetische Einschübe

Und endlich: Auftritt Erwin Pröll. 75 Minuten lang - so haben's die eigenen Pressesprecher gestoppt - schwört er die Schwarzen auf seine mittlerweile sechste Wiederwahl ein und zieht dabei alle Register. Laut und leise, streng und gütig, machtbewusst und kooperationswillig. Und immer wieder trieft Pathos aus seinen Worten. Als er sich unlängst morgens um sechs aufs Radl geschwungen habe, da habe er das Weinviertel so betrachtet und sich gedacht: "Lieber Gott, du hast uns wirklich eine wunderschöne Heimat gegeben", erzählt Pröll mit bebender Stimme.

Als er schließlich die Schwarzen auf die Landtagswahl einschwört, könnte man eine Stecknadel in der riesigen Halle fallen hören. Eine Fußballmetapher muss her als Sinnbild für den dräuenden Wahlkampf: Man befinde sich in der 75. Minute eines Matches, und es stehe, so schätzt Pröll, 2:0 für sein Team. Doch es habe schon Mannschaften gegeben, die schließlich trotzdem 2:3 verloren hätten. "Das passiert, wenn man leichtfertig wird, wenn man Disziplin und Taktik nicht einhält", warnt Pröll - und spricht damit ganz offen die schwarze Urangst an: dass sich angesichts der schwächelnden politischen Konkurrenz im Land schwarze Funktionäre wie Wähler zu sehr zurücklehnen könnten.

Lieber Neid als Mitleid

Denn der niederösterreichische VP-Chef will auch nach der nächsten Wahl "Klarheit", sein Wort für die absolute Mehrheit. Für ihn eine "ordentliche Arbeitsgrundlage" im Gegensatz zu den "verwaschenen Verhältnissen" in der Bundesregierung. Dass ihm diese "Klarheit" oft vorgehalten wird, scheint Pröll nicht weiter zu stören: "Mir ist Neid hundertmal lieber als Mitleid." Und, noch so ein pathetischer Moment: "Wenn es um das Land geht, nehme ich alles in Kauf."

Bis zur Landtagswahl dauert es noch knapp ein Jahr, für Klarheit innerhalb der niederösterreichischen Volkspartei wurde am Samstag bereits gesorgt: 98 Prozent der Delegierten bestätigten Pröll als Landesparteiobmann. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 14.5.2012)

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    Laut und leise, streng und gütig, machtbewusst und kooperationswillig: Bei seiner 75-minütigen Rede beim Landesparteitag der niederösterreichischen VP zog Erwin Pröll alle Register.

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