Ybbsstraße 6: Die leidvolle Geschichte eines Hauses

  • Gedenktafel für die 20 jüdischen Einwohner, die von den Nazis ermordet oder vertrieben wurden, an der Eingangstür des Hauses Ybbsstraße 6.
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    foto: leopold sikoronja

    Gedenktafel für die 20 jüdischen Einwohner, die von den Nazis ermordet oder vertrieben wurden, an der Eingangstür des Hauses Ybbsstraße 6.

  • Dietmar Larcher mit Enkelin Livia Egyed bei der feierlichen Präsentation der Tafel. Agnes Larcher war krankheitsbedingt verhindert.
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    foto: leopold sikoronja

    Dietmar Larcher mit Enkelin Livia Egyed bei der feierlichen Präsentation der Tafel. Agnes Larcher war krankheitsbedingt verhindert.

  • Hausbewohner aus drei Generationen mit Zeitzeuginnen.
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    foto: leopold sikoronja

    Hausbewohner aus drei Generationen mit Zeitzeuginnen.

  • Das Ensemble Klezmer bei der Gedenkfeier.
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    foto: leopold sikoronja

    Das Ensemble Klezmer bei der Gedenkfeier.

Private Initiative von Hausbewohnern zum Gedenken an die jüdischen Einwohner, die von den Nazis ermordet oder vertrieben wurden

Eigentlich ist das Wissenschaftler-Ehepaar Agnes und Dietmar Larcher im Ruhestand. Eigentlich. Weil aber Frau Larcher Historikerin aus Leidenschaft ist, konnte sie nicht einfach nach Wien an eine neue Adresse ziehen, ohne sich mit der Geschichte des Hauses, in dem sie nun lebt, zu beschäftigen.

Eine jüdische Geschichte

Nach zweijähriger Recherche ist aus dieser Beschäftigung ein Buch geworden, das den schlichten Titel "Ybbsstraße 6 - Ein Haus und sein Viertel" trägt. Anhand von Archivmaterial und vielen Gesprächen mit Zeitzeugen, die noch im Haus leben oder einmal im Haus gelebt haben, zeichnete Agnes Larcher die Geschichte des Hauses nahe dem Prater nach, nicht zuletzt deswegen, weil ihr "das Klischee vom Rotlichtbezirk Stuwerviertel lächerlich einäugig" vorkam. Herausgekommen ist wie so oft im zweiten Wiener Gemeindebezirk auch eine jüdische Geschichte.

Nach dem Ersten Weltkrieg brachte die Massenmigration der jüdischen Bevölkerung aus der ehemaligen Monarchie in die alte Reichshauptstadt dem Viertel zahlreiche neue Bewohner. Es waren ärmere Juden, die sich hier ansiedelten. Im Haus Ybbsstraße 6 war die Hälfte der Bewohner jüdisch. Durch die Nazis wurden 20 von den 40 ermordet, Kinder nicht mitgerechnet, und 19 vertrieben.

Gedenktafel zur Erinnerung

"Kultur haben heißt ein Gedächtnis haben. Sich erinnern. An alles, auch an das, was wehtut. Auch an das, was man lieber vergessen würde. Vergessen und verdrängen, weil es so schmerzlich ist. Woran wir uns hier und heute erinnern, das tut weh", sprach Dietmar Larcher bei der feierlichen Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren der jüdischen Opfer des Hauses.

Neben der Vizepräsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Judith Adler, Bezirksvorsteher Gerhard Kubik, den Ministerialräten Willi Wolf und Gottfried Wagner, der Initiatorin der "Steine der Erinnerung", Elisabeth Ben-David Hindler, und Hausherr Sandor Steiner waren auch Hausbewohner und drei Zeitzeuginnen vertreten.

Freide Ruchel Rubin von Tür 35

Stellvertretend für die vielen Biografien las Dietmar Larchers Enkelin Livia Egyed jene von Frau Rubin vor: Freide Ruchel Rubin, geboren am 13. Mai 1884 in Kolomea in Polen, war Witwe. 1916, mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, kam sie auf ihrer Flucht nach Oberösterreich. Seit 1918 lebte sie in Wien. Wohnadresse laut Fragebogen der Auswanderungsabteilung der Kultusgemeinde: Ybbsstraße 6/35.

Mit der Machtübernahme der Nazis in Österreich versuchten viele Juden zu Verwandten oder Freunden auszuwandern. Auch Freide Rubin plante das. Sowohl eine Cousine wie auch ein Cousin lebten in Brooklyn in New York. Ziemlich genau vier Jahre nach der Abgabe ihres Fragebogens für die Auswanderung wurde sie jedoch von ihrer damaligen Wohnung, Wien 2, Zwerggasse 4/15, nach Maly Trostinec deportiert. Das war am 6. Mai 1942. Am 11. Mai 1942 wurde sie dort ermordet.

Die Verantwortung des Hauses

Larchers Schlussworte: "Wir sagen, das alles sei längst vorbei. Wir glauben, das hat nichts mit unserem Haus zu tun. Man solle doch endlich Gras darüber wachsen lassen. Das gehe uns nichts an. Es stimmt schon, das ist nicht unsere Schuld. Aber wofür wir sehr wohl verantwortlich sind, das ist unser Heute. Die Pogrome von einst, das Vertreiben und Ermorden darf sich nicht wiederholen. Auch nicht in der Sprache von politischer Propaganda und Hetze. Das sind wir diesen Toten schuldig." (Rainer Schüller, derStandard.at, 14.5.2012)

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