Empathie allein ist gar nichts

11. Mai 2012, 20:18
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"Open for Everything" der Choreografin Constanza Macras

Wien - Roma in Europa. Ins Abseits gedrängt: von den einen als Feindbild, von den anderen als romantisches Klischee. Selten sind Begegnungen auf Augenhöhe. Genau diesen aber stellt sich Choreografin Constanza Macras. Auf den ersten Blick ist ihre Arbeit Open for Everything, die bei den Festwochen im Museumsquartier uraufgeführt wurde, ein normales Stück. Die Künstlerin führt "ihre" Roma durch eine szenische Komposition, zitiert ihre Musik herbei, lässt sie tragische Opfergeschichten erzählen. Sie bringt sie dazu, in einem elaborierten Setting zu tanzen und so an einer berührenden Show mitzuwirken. Gutes Futter also für ein aufgeklärtes Publikum, das sagen kann: Ja, so denken wir auch. Aber dabei lässt es Macras nicht bewenden.

Sie weigert sich, Ambivalenzen zugunsten der linearen Botschaft auszuklammern. Ihre Darsteller sind kein braver Durchschnitt, sondern echte Charaktere: ein Rajmund, der sich in eine Fatima geschlechtswandelt, ein Tänzer, der durch Körperfülle besticht, ein paar fröhliche Machos und einige Frauen, die sich dem Machosystem entziehen. Eine Musik, die ihr folkloristisches Klischee zersägt und so Identität zeigt, ebenso wie ein Tanz, in dem sich Zeitgenössisches mit Tradiertem mischt. Und das in einer Selbstverständlichkeit, die nur durch Arbeit und Vertrauen erreichbar ist.

Dadurch kommen die Performer uns so nah. Nichts verschleiert das Wagnis, das sie eingehen. Die Dramaturgie ist ein Ablauf mit Sollstolperstellen. Durch schwieriges Gelände begleiten die Darsteller ihre Choreografin zu einem Auditorium, das dafür mitverantwortlich ist, wenn alles so bleibt, wie es zur Zeit ist: Ausgegrenzten nützt die bloße Empathie eines Publikums, das sich nur "zurücklehnt" (A1 Slogan vor der Aufführung), noch nichts. Zuschauen allein ist schon gut. Doch erst der Einsatz dagegen, dass die Roma wie Dreck behandelt werden, komplettiert das Stück. So gut kann politische Kunst rüberkommen.   (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

Bis 14. 5.

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