Einsame Erfahrungen mitten in der Stadt

11. Mai 2012, 20:15
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Jörg Lukas Matthaeis Projekt "Paradis Artificiels" folgt den Spuren von Drogen in der Stadt

Selbst die echtesten der echten Wiener werden bei den Entdeckungsprojekten von "Into the City" immer wieder von ihrer Stadt überrascht. Die von Wolfgang Schlag kuratierte, spartenübergreifende Programmschiene ist mit ihren partizipativen Formaten in den letzten sechs Jahren zu einem wichtigen Schauplatz bei den Wiener Festwochen geworden. Helden und Adressaten der oft über einen längeren Zeitraum laufenden Unternehmungen sind die Bewohner selbst.

Bereits an diesem Sonntag öffnet das Paradis Artificiels seine Pforten. Das von Jörg Lukas Matthaei initiierte Projekt begibt sich auf die Spuren von Drogen und ihren Konsumenten. Matthaei und Konsorten, so der Gruppe Nom de Guerre, haben Interviews mit Menschen geführt, die mit illegalen Drogen Kontakt haben oder hatten. Anhand dieser insgesamt zwanzig Audioporträts, die jeweils an Songs gekoppelt sind, begibt sich das Publikum auf einen "Trip" durch die Stadt. Man checkt bei einem Wohnmobil ein, wo je nach Liedinteressen die Audioporträts zugeteilt werden, und wird samt Handy von einem Begleiter schließlich in der Stadt und den dann folgenden Anweisungen ausgesetzt.

Matthaei selbst, der in Leverkusen aufgewachsen ist, einer Stadt, in der Heroin einst zeitgleich mit Aspirin patentiert wurde, interessiert dabei der Widerspruch, warum es für die Mainstreamgesellschaft notwendig ist, bestimmte Drogen und ihre Konsumenten zu illegalisieren, wobei gleichzeitig klar ist, dass "ein Großteil unserer Kultur, und das trifft besonders auf Wien zu, darauf beruht, Drogen zu konsumieren (Tabak, Alkohol)".

Der in Berlin lebende Theatermacher - er war vor zwei Jahren mit dem Einbürgerungsspiel Schwellenland bei den Festwochen zu Gast - bezeichnet die Arbeiten seiner Gruppe als "Engineering Situations" (etwa: " konstruierte Situationen"): "Wir öffnen einen Raum, in den die Besucher reingehen können und wo sie auf sich allein gestellt Erfahrungen machen. Ich bezeichne es auch als ,soziale Plastiken'".

Die Gruppe recherchiert seit letztem Herbst am Ort, trat an alle maßgeblichen Institutionen heran (Udo-Proksch-Institut, Grüner Kreis, Streetworker usw.), über die auch der Kontakt zu den porträtierten Menschen hergestellt wurde. "Ich bin auf eine größere Offenheit gestoßen, als ich gedacht hatte", so Matthaei. "Zu unseren Interviewpartnern gehören junge Studenten, die sich aus purem Hedonismus extrem viel Zeug reinhauen, aber auch Menschen mit schweren Traumata. Der Jüngste war erst 19 Jahre alt und wurde mit zehn Jahren abhängig."

Wichtig bei Paradis Artificiels ist die isolierte Erfahrung der " Zuschauer", das Alleinsein im Unterschied zu einem gemeinschaftlichen Erleben im Theatersaal. Das Publikum entscheidet selbst, wie lange es daran bleibt, eine Stunde oder einen Tag. Erste Station des Wohnmobils ist die Innstraße in der Brigittenau. Schon am Montag wird auf den Maurer Hauptplatz in Liesing gewechselt (genauer Plan bis 20. Mai unter www.paradisartificiels.at).

Um biografische Erkundungen entlang der Quellenstraße in Favoriten kümmert sich ein anderes Projekt: Bei Post it! von Thomas Wolkinger und Michael Hieslmair recherchieren Bewohner auf vielfältige Weise ihre Geschichten und die ihrer Nachbarn. Mit Urban Sounds of Turkey wird das Ganze dort eingeläutet und damit auch ein eigenes "Into the City" -Festivalzentrum eröffnet. Ein vielversprechendes Beispiel von Community-Kultur.   (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

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