Münterlein

11. Mai 2012, 20:06
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Muttertag 2012. Ein Gastgarten

(An einem der Tische Mutter Rosa (73), Sohn Albert (49), Schwiegertochter Marianne (38) und Enkel Ralf (7). Sie sind eben mit dem Essen fertig geworden.)

MARIANNE (zu Rosa): War's gut?

ROSA: Ein Wienerschnitzel halt.

ALBERT: Warum bestellst du nicht was anderes? Jedes Mal isst du Wienerschnitzel.

ROSA: Wienerschnitzel ist sicher. Bei was anderem weiß man nie.

(Pause. Albert macht Marianne ein Zeichen.)

MARIANNE: Mama? Der Ralfi möcht' dir ein Gedicht ... sagen.

ROSA (zu Albert): Was sagt sie?

ALBERT: Ein Gedicht sagt dir der Ralfi.

ROSA (legt die Hand hinters Ohr): Ich versteh's nicht. Das wird von Tag zu Tag schlimmer mit meiner Schwerhörigkeit. Was will der Ralfi?

ALBERT: Ein Muttertagsgedicht will er dir sagen!

ROSA (lächelt): Das ist lieb. Aber ich versteh's ja nicht.

MARIANNE (zu Ralf, flüsternd): Laut, Ralfi!

RALF (laut): Liebes Münterlein. Du bist für mich -

MARIANNE: Nicht Münterlein! Mütterlein! Herrgott, wie oft denn noch?!

RALF: Liebes Mün- ... Liebes Mütterlein.

ROSA (zu Albert): Was sagt er?

ALBERT: Liebes Mütterlein.

ROSA: Ich bin doch gar nicht sein Mütterlein.

ALBERT: Pst. Horch zu.

ROSA: Ich versteh's ja nicht.

RALF (laut): Du bist für mich die Allerbeste, du hast mein Leben mir geschenkt, drum - ...

ROSA: Der Mariann' muss er das sagen, die ist die Mutter.

ALBERT: Der Mariann' hat er's schon in der Früh gesagt.

MARIANNE (zu Ralf, flüsternd): Drum wünsch' ich dir zu diesem Feste.

RALF: Drum wünsch' ich dir zu diesem Feste ... Feste ...

ROSA (zu Ralf): Das hast du ganz toll gemacht, Ralfi, das war ganz lieb von dir. Dein Papa hat mir nie ein Gedicht gesagt zum Muttertag.

ALBERT: Weil du nie da warst! Weil du immer in Griechenland warst mit dem Papa im Mai und ich zur Tante Hertha hab' müssen!

MARIANNE (zu Ralf, flüsternd): Dass Gott stets deine Schritte.

RALF: Die Oma horcht ja überhaupt nicht zu!

ALBERT: Jedes Jahr habe ich ein Muttertagsgedicht auswendig lernen müssen in der Schule, und nie habe ich es aufsagen können, weil du nie da warst!

ROSA: Sag halt jetzt eins.

ALBERT: Jetzt ist es zu spät.

ROSA: Für eine Mutter ist es nie zu spät.

MARIANNE: Könnt ihr bitte aufhören und dem Ralfi zuhören? (Zu Ralf:) Noch einmal, Ralfi.

RALF: Liebes Münterlein. Du bist für mich die Allerbeste, du hast mein Leben mir geschenkt, drum wünsch' ich dir -

ROSA: Ich versteh's ja nicht.

(Vorhang)

(Antonio Fian, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

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