Eine Art Bergrausch

11. Mai 2012, 19:56
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Arzt von Beruf, Dichter aus Berufung. Von seiner Leidenschaft für Berge wussten wenige. Zum 150. Geburtstag von Arthur Schnitzler

"Es war in Reichenau, zu Füßen der Rax, wo zum ersten Mal eine erhabenere Bergnatur sich vor mir öffnete, als ich sie im nahen Umkreis von Wien zu sehen gewohnt war, und wo das Geheimnis der Höhen und Fernen zum ersten Mal an meine Seele griff ...", so lauten die Kindheitserinnerungen eines Mannes, Arzt von Beruf, Dichter aus Berufung: Arthur Schnitzler. Von seiner lebenslangen Beziehung zu den Bergen und zu den großen österreichischen Alpinisten seiner Zeit hingegen wissen nicht sehr viele.

"Zu Wien in der Praterstraße, damals Jägerzeile geheissen, im dritten Stockwerk des an das Hotel Europa grenzenden Hauses kam ich am 15. Mai 1862 zur Welt", schrieb er in seinen Jugenderinnerungen. "Die Leopoldstadt war zu jener Zeit noch ein vornehmes und angesehenes Viertel und insbesondere ihre Hauptstraße, in der auch das Carl-Theater stand, wusste etwas von ihrem Glanz auch über die spärlichen Stunden hinaus zu bewahren, da in Equipagen und Fiakern die große, die elegante, die leichtlebige Welt von den Pferderennen oder von den Blumenfesten aus der Hauptallee zurückgesaust kam."

Nur einige Straßen weiter, am Tabor, lag das Elternhaus des Mannes, der einer der engsten Jugendfreunde Schnitzlers war, einer der Großen des österreichischen Alpinismus wurde und den der Dichter in seinem Werk verewigte: Louis Philippe Friedmann. Louis und seine Brüder Max und Emil waren die Söhne eines Maschinenfabrikanten. "Sowohl Louis als auch Max waren sehr tüchtig. Louis vorwiegend nach der technisch-erfinderischen Seite hin veranlagt. Beide von einem jüdischen Vater und einer christlichen Mutter stammend, waren auch körperlich sehr wohlgebildet. Insbesondere Louis war ein auffallend hübscher Junge, eben mittelgroß, schlank, von anmutsvoller Lässigkeit der Bewegungen, immer gutangezogen und sportlich ungewöhnlich begabt", schrieb Schnitzler über die Brüder. Louis und Max wurden zusammen mit Richard Tausenau die engsten Freunde des jungen Medizinstudenten.

Zu viert genossen sie ihr Leben in vollen Zügen. Diese Söhne aus gutbürgerlichem Haus erschlossen die Berge der Monarchie. Und die Leidenschaft, die sie nach ihrem freizügigen Leben in Wien in die Bergwelt trieb, verstand auch ihr Freund Arthur. Die Brüder Emil und Otto Zsigmondy, beide Medizinstudenten, hatten die Epoche der großen "führerlosen Alpinisten" eröffnet, sie waren die besten und kühnsten. 1879 war Louis Friedmann und Gustav Gröger mit dem berühmten Südtiroler Michl Innerkofler die zweite Begehung der Westlichen Zinne gelungen. Mit Eckstein eröffnete Friedmann 1880 den Narrensteig auf der Rax. 1884 und 1885 schafften Emil Zsigmondy und Friedmann im Gesäuse die erste Begehung des Ödstein-Hochtor-Grates und der Reichenstein-Nordwand.

An solch kühne Unternehmen dachte Schnitzler nicht. Immerhin vermerkte er 1881: "Sonntag, 17. Juli: Heiligenblut, Pasterze, Bergerthörl-Kals (10-stündiger Fussmarsch!). Am stärksten von meiner elftägigen Reise prägte sich eine Wanderung von Gastein über das Naßfeld und die Niederen Tauern meiner Erinnerung ein."

Im weiten Land

Jahre später finden sich viele Jugendfreunde in Schnitzlers Werken wieder. Vor allem in der Tragikomödie Das weite Land, deren dritter Akt in einer der schönsten Berglandschaften der Monarchie spielt: in der Südtiroler Rosengarten-Gruppe. Der Fabrikant Friedrich Hofreiter trägt Züge von Louis Friedmann, der Arzt Franz Mauer unzweifelhaft die von SchnitzlerFreund Georg Geyer, dem späteren Vorstand der Geologischen Staatsanstalt. Schnitzler über die Beziehung der beiden: "Georg Geyer war einer von den seltenen Kameraden, bei denen man sicher sein konnte, dass er nie einen Kreuzer Geld schuldig bleiben und sich nie einer Taktlosigkeit schuldig machen würde. Zwischen ihm und Louis bestand eine jener Freundschaften, die in ihrer völligen materiellen und seelischen Uneigennützigkeit beiden zur Ehre gereichen", so Schnitzler in den Jahren des aufkeimenden Antisemitismus über das Verhältnis des deutschnationalen, schlagenden Studenten Geyer zum Halbjuden Friedmann.

Der Dichter wird sich auch ein wenig selbst in dem edlen, lebensklugen und verzichtenden Mauer verewigt haben. Als kluger Analytiker und Selbstanalytiker, der er war, brachte Schnitzler sicher auch einen Teil seiner Persönlichkeit in die des menschenverachtenden Zynikers Hofreiter ein.

Im Weiten Land verehrt Doktor Mauer die junge Erna Wahl, die wiederum in Hofreiter verliebt ist. In dieses ausweglose Netz von Liebe, Eifersucht und Leidenschaft verknüpfte Schnitzler eine Episode aus gemeinsamen Jugendjahren. Zusammen mit Louis Friedmann und Richard Tausenau hatte er im Hause des Industriellenehepaares Kniep verkehrt. Während einer Bergtour Knieps nützte Tausenau - von den Freunden unterstützt - die Gelegenheit zu einem Schäferstündchen mit der Gattin des Gipfelstürmers.

"Diese Geschichte mag einen Begriff geben vielleicht nicht so sehr von der Frivolität und Indiskretion, als von der außerordentlichen Leichtigkeit, mit der in diesen Kreisen dergleichen Abenteuer behandel und beurteilt wurden. Diese Atmosphäre, mag man sie nun als unmoralisch, unbeschwert oder einfach nur als wahr empfinden, ist es, in der sich die Vorgänge meiner Tragikomödie ,Das weite Land' abspielen", bemerkte Schnitzler über eine aus den Fugen geratende Gesellschaft. Leidenschaft und leidenschaftliches Bergsteigen bestimmen das Stück: "Diese ganze Partie, der Augenblick auf dem Gipfel oben, der Händedruck, dieser Wahn des Zusammengehörens, dieses ungeheure Glücksgefühl, es war wohl alles nur eine Art Rausch, von Bergrausch!"

Über der Liebe aber schwebt wie in anderen Schnitzler-Stücken der Tod. Schon im ersten Akt erfährt man, dass nach einem Absturz eines Seilgefährten Hofreiter das extreme Klettern aufgegeben habe. Auch Friedmann beendete nach einem Sturz seine alpine Laufbahn. In Schnitzlers Erzählung Fräulein Else geht es ebenso um Klettern, verletzte Ehre und am Ende den Tod. "Bergsteigen war für Schnitzler eine Chiffre für 'Jugend', wie nichts Anderes geeignet, frivole Koketterie mit dem Tod glaubhaft zu gestalten", so der Grazer Alpinist und Schnitzler-Kenner Günter Cerwinka.

Sommer 1900, eine Tagebucheintragung in Reichenau: "Frau Rose erzählt mir heute die Geschichte ihrer Verheiratung mit Louis ..." Rose von Rosthorn, Tochter eines Stahlindustriellen aus dem Piestingtal, hatte in frühester Jugend Rax und Schneeberg bestiegen. Mit ihren späteren Touren wurde sie eine der bekanntesten Alpinistinnen Europas. Sie war die erste Frau, die die Watzmann-Ostwand durchstieg. 1886 hatte sie in zweiter Ehe Louis Friedmann geheiratet, bestieg mit ihm etliche Viertausender in den Westalpen. Schnitzler war bei Friedmanns oft zu Besuch.

Trotz seiner Wertschätzung für Rose würden heute nur Schnitzlers Tagebucheintragungen an sie erinnern, hätte es nicht einen weiteren Gast gegeben: "Klimt, einem lustigen Faun nicht unähnlich, mir gegenüber", lautet es im Tagebuch des Dichters. Am 18. Mai 1915: "Ich fühle, bei allen Unterschieden und der Überlegenheit seiner Künstlerschaft gegenüber, eine ganz im Tiefen verborgene Verwandtschaft." Klimt hatte nach einigen Zeichnungen als Vorstudien 1900 Rose Friedmann gemalt. Ihr Bild wurde ein Jahr später in der Frühjahrsausstellung der Secession ausgestellt. Der Kritiker Ludwig Hevesi: "Die beiden weiblichen Bildnisse sind entzückend. Das eine (Rose Friedmann) in schwarzer Toilette, mit flimmernden Pailletten, eine schwarze Boa um die Schultern. Schlanke, elastische Linien von eigentümlicher Schwingung ..." Für die Neue Freie Presse war es das Bild einer Frau, "die nicht mehr in der ersten Jugend steht, in der aber eine ungebändigte Lebensgluth zittert". Rose war damals 36 Jahre alt.

21 Jahre alt und in "der ersten Jugend" stand hingegen die lebenshungrige Tochter eines anderen Malers, schon früh Schülerin und Freundin berühmter Männer. Jederzeit bereit, mit spitzer Zunge den neuesten Tratsch der Wiener Gesellschaft zu verbreiten: Alma Schindler, die als Gattin von Gustav Mahler, Walter Gropius und Franz Werfel berühmt wurde. Am 19. Jänner 1900 - ihre heftige Liaison mit Klimt hatte der Maler beendet - notiert Alma in ihr Tagebuch: "Seit heute, wo ich mit ihm gesprochen habe, bin ich ganz ernüchtert. Sein Vorgehen ist bübisch. Sein Lächeln gemein. Er hat mich nicht anzulachen. Übrigens hat er seit kürzester Zeit ein Verhältnis mit der Rose Friedmann, mit dieser alten Scharteken! Er nimmt, wo er findet." Die Abrechnung einer verschmähten Frau? Oder hatte Alma recht? Die Wahrheit, die wusste vielleicht nur Schnitzler.

Rose Friedmann starb, erst 55, 1919 an Typhus, den sie sich bei der Pflege von Kriegsverletzten zugezogen hatte. Als Frau von strahlender Schönheit, Wärme und Intelligenz pries sie im Kondolenzschreiben an den Witwer ein weiterer Freund des Hauses: Hugo von Hofmannsthal. Arthur Schnitzler, " der Bescheidene, der gläubige Skeptiker und weise Zweifler", wie ihn Friedrich Torberg genannt hat, überlebte Rose Friedmann um zwölf Jahre. Er starb 1931; acht Jahre später dann der Mann, der ihm ein Leben lang Freund gewesen war, dem Dichter die Berge und die Leidenschaft für die Berge nähergebracht hatte: Louis Friedmann. Beide Gräber liegen auf dem Zentralfriedhof in Wien.  (Lutz Maurer, Album, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

Am 12. 5. sendet ORF 3 (19.25 Uhr) eine Dokumentation von Lutz Maurer zum Thema.

  • "Wo das Geheimnis der Höhen und Fernen an meine Seele griff": Schnitzler (15. Mai 1862 - 21. Oktober 1931) beim 
Wandern.
    foto: picturedesk

    "Wo das Geheimnis der Höhen und Fernen an meine Seele griff": Schnitzler (15. Mai 1862 - 21. Oktober 1931) beim Wandern.

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