JPMorgans scheucht die Bankenwelt kräftig auf

12. Mai 2012, 09:48
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Das "Wal von London" hat sich verspekuliert. Bankchef Jamie Dimon tat Kritik an dem Deal jüngst als "Sturm im Wasserglas" ab - Aktie bricht ein

New York -  Die größte US-Bank JPMorgan Chase hat sich kräftig verspekuliert. Sie setzte mit einer fehlgeschlagenen Handelsstrategie rund zwei Milliarden Dollar (1,54 Milliarden Euro) in den Sand (siehe auch: JP Morgan verzockt zwei Milliarden). Ein Londoner JPMorgan-Trader, der mit bürgerlichem Namen Bruno Iksil heißen soll, war bereits vor einigen Wochen durch Agentur- und Zeitungsberichte gegeistert. "Wal von London" wurde er genannt. Bloomberg und Wall Street Journal (WSJ) hatten berichtet, dass der gebürtige Franzose derart große Geschäfte getätigt habe, dass der ganze Markt davon bewegt worden sei. Bankchef Jamie Dimon hatte die Berichte damals als "Sturm im Wasserglas" abgetan.

Bankchef Dimon gibt sich zerknirscht

Bei der Telefonkonferenz am Donnerstag, in der Dimon den Milliardenschnitzer eingestehen musste, räumte er ein, dass die Verluste "ein wenig" mit den in den Medien geschilderten Vorgängen zu tun haben könnten und meinte: "Ich glaube, wir haben das ein bisschen zu sehr verteidigt."

Das letztlich schief gegangene Geschäft war eigentlich als "Absicherungsgeschäft" (Hedge) klassifiziert, referiert Reuters zwei namentlich nicht genannte Beobachter, die aber nichts mit dem Trade zu tun gehabt haben. Es habe aus einer Index-Wette auf Zinsen bei einer Reihe von Derivaten bestanden. Statt dass sich die Zinskurve abgeflacht hätte, wie von JPMorgan erwartet worden war, sei die Kurve bei langen Laufzeiten unerwartet stark angestiegen.

Auswirkungen auf Händler und Broker

Dimon gab sich zerknirscht und sagte, das Institut habe "Butter auf dem Kopf". "Das ist eine ziemlich verblüffendes Eingeständnis für eine Gesellschaft, die auf ihr Risikomanagementsystem und seine starke Bilanz so stolz ist", kommentierte Todd Hagerman vom Broker Sterne Agee. "Das Timing könnte nicht schlechter sein. Das wird Auswirkungen auf alle Händler und Broker haben."

Ab Juli soll die sogenannte "Volcker-Rule" gelten, mit der allzu große Spekulationen eingedämmt werden sollen. Das nach dem früheren Fed-Vorsitzenden Paul Volcker bennante Gesetz sucht u.a. den Eigenhandel der Banken einzudämmen. Wall Street versuchte die Regelung abzuschwächen, einer der stärksten Kritiker des Vorhabens war JPMorgan-Chef Dimon. Auch OECD-Experte Adrian Blundell-Wignall kritisiert im Gespräch mit dem STANDARD unzureichende Regeln und fordert ein besseres Risikomanagement.

Details über den Trade erwartet

Regulatoren und Parlamentarier werden nun auf mehr Details über den Trade drängen, wird erwartet. Davon werde abhängen, wie sich das Thema auf die Volcker-Regel auswirken wird, erklärte Karen Petrou, geschäftsführende Gesellschafterin beim Washingtoner Analysehaus Federal Financial Analytics. "Die entscheidende Frage wird sein, ob das ein Hedge war und das wird man bestimmen müssen. Das ist der Kern der ganzen Angelegenheit."

Für Bankenkritiker wie den demokratischen US-Senator Carl Levin war der Milliardenverlust eine Steilvorlage: Dies sei eine "starke Erinnerung" daran, dass eine strenge Bankenregulierung nötig sei, erklärte Levin. Er hatte eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung der Finanzkrise im US-Kongress gespielt. Es müsse sichergestellt werden, dass der Steuerzahler nicht mehr "für derart risikoreiche Wetten geradestehen muss", forderte Levin.

15 Milliarden an Marktwert verloren

Der jüngste Handelsskandal kommt der größten US-Bank  teuer zu stehen: Am Freitag verlor das Institut an der New Yorker Börse 15 Milliarden Dollar an Marktwert. Zuvor hatte die Bekanntgabe des Verlustes von zwei Milliarden Dollar die Ratingagentur Fitch dazu veranlasst, die Bonität der Bank herabzustufen. Die Aktien von JP Morgan Chase verloren an der New Yorker Börse 9,3 Prozent auf 36,96 Dollar. Damit waren sie am Freitag mit Abstand der größte Verlierer an der Wall Street. Rund 212 Millionen Aktien der Bank wechselten den Besitzer - das war das größte Handelsvolumen seit jeher. (APA/Reuters, 12.5.2012)

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    Bankchef Jamie Dimon hat Erklärungsbedarf. Noch vor einigen Wochen tat er Berichte über das Geschäft als "Sturm im Wasserglas ab"

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    An Lehman Brothers kommt trotzdem niemand ran: Eine Übersicht über Verluste durch Fehlspekulationen.

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