Bauschaum für die Ewigkeit

11. Mai 2012, 19:28
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Vor knapp drei Jahren wurde im ehemaligen Frauenbad in Baden das Arnulf-Rainer-Museum eröffnet. Auch die nunmehr fünfte Ausstellung gewährt unerwartete Einsichten in Rainers umfangreiches Oeuvre

Baden - Die Augen Ludwig van Beethovens, Karl Kraus' und Friedrich Nietzsches blicken auf die Besucher im Spiegelsaal des Arnulf-Rainer-Museums in Baden: als Totenmasken in Holzkisten nebeneinandergereiht, für die Ewigkeit mit weißem Bauschaum abgedichtet.

Kistenwalhalla heißen die 27 Totenmasken, die Arnulf Rainer in den 1980er-Jahren schuf - als eine Art Persiflage auf die marmornen Büsten in der Ehrenhalle bei Donaustauf, die der Bayernkönig Ludwig I. 1842 erbauen ließ. Diese Totenmasken bilden den Kern der Ausstellung Rainer - Kosmos, die mit einer Existenzfrage beginnt und auch mit einer endet.

Kurator Helmut Friedel, Direktor des Münchner Lenbachhauses, entschied sich für eine Einzelpräsentation und traf eine sehr konzise und auch überraschende Auswahl aus Rainers mehr als vierzig Jahre umspannendem OE uvre. (Zur Erinnerung: Rudi Fuchs hatte im Vorjahr Rainers Arbeiten und jene von dessen deutschem Malkollegen Georg Baselitz zu einem leichtfüßigen Lustspiel kombiniert).

Dem Ausstellungstitel Kosmos entsprechend ist jeder der zehn Räume einer zentralen Schaffensperiode Rainers gewidmet: den Abstraktionen aus den 1960er-Jahren, den ab den späten 50er- bis in die 70er-Jahre entstandenen großformatigen Übermalungen, den hinreißend zarten Schleier -Bildern und Geologica-Gemälden der 90er-Jahre, den überarbeiteten Fotografien sowie den Videos von Rainers raren Performances.

Voyeuristische Blicke

Namengebend war Rainers Malserie der Kosmos-Scheiben aus den 1980er-Jahren, die nun erstmals in Österreich zu sehen sind - und zwar aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven: Von einer Art Balkon von oben herab oder auf Augenhöhe im Karolinenbad. Diese unterschiedlichen Blickwinkel waren Friedel besonders wichtig: "Ich habe darauf geachtet, dass nichts geschlossen ist, alle Räume unterschiedlich zugänglich bleiben."

Rainer, geboren 1929 in Baden, ist mitunter ein humorvoller Titelgeber. Doch seine Fingermalereien wie Rückenkratzen, Fingerbaum oder Roter Arsch sind für ihn "Abdrücke traumatischer Gesten". Statt mit Pinsel trug er in diesem Werkzyklus rote Farbe direkt mit Händen und Fingern auf den Leinwänden auf, die Handabdrücke erinnern an geronnenes Blut.

Die Unmittelbarkeit, die Arnulf Rainer mit seiner Finger- und Fußmalerei erzeugt, spiegelt sich auch in der Ausstellungsgestaltung wider: Alle Arbeiten werden ohne Beschriftung präsentiert; die Besucher müssen sich mithilfe einer Faltkarte orientieren. Doch auch das ist manchmal schwierig, sind doch viele Bilder titellos.

Das ehemalige Frauenbad, in das 2009 das Arnulf-Rainer-Museum eingezogen ist, birgt für Ausstellungsmacher mitunter kniffelige Problemstellungen: Marmorwände, kleine Räume, Badebecken.

Helmut Friedel wusste all dies jedenfalls positiv zu nutzen: So kann man in den früheren Umkleidekabinen intime, geradezu voyeuristische Blicke auf die von Rainer mit nervösem, zuckendem Strich überzeichneten und eingeritzten Fotografien der Schlangenfrauen werfen. (Michael Ortner, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

Bis 8. Oktober

 

  • Eine von Arnulf Rainers "Face Farces". Davor in den Holzkisten: Totenmasken berühmter Künstler und Denker.
    foto: arnulf-rainer-museum

    Eine von Arnulf Rainers "Face Farces". Davor in den Holzkisten: Totenmasken berühmter Künstler und Denker.

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