Ein Schlachtfeld und ein Ort der Demütigung

P. Mayr und T. Trenkler
12. Mai 2012, 12:32
  • Rundumblick über den Heldenplatz.
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    Rundumblick über den Heldenplatz.

  • Vor allem an der Krypta im Äußeren Burgtor hat sich ein Streit über Österreichs Gedenkkultur entzündet.
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    Vor allem an der Krypta im Äußeren Burgtor hat sich ein Streit über Österreichs Gedenkkultur entzündet.

Der Heldenplatz ist ein Kristallisationspunkt österreichischer Geschichte. Historiker und Bundespräsident Fischer plädieren dafür, den Gedächtnisort einer Prüfung zu unterziehen.

Wien - Wien sei in seinen Augen eine Perle, und er werde sie in jene Fassung bringen, die dieser Perle würdig sei. Das versprach Adolf Hitler am 9. April 1938, einen Tag vor der Volksabstimmung, bei der 99,73 Prozent für den Anschluss ans Deutsche Reich votierten. Wirklich ernst nahm der Diktator seine Worte nicht: Er fand Wien, die "Kanakenstadt", in der er als "Kunstmaler" wenig zu lachen hatte, eh ganz in Ordnung. Daher fand sich Wien auch nicht auf der Liste jener Städte, die Hitler 1941 für eine Neugestaltung auserkor.

In Wien schmiedete man dennoch grotesk große Pläne. Sie stammen u. a. von Hanns Dunstmann, den Gauleiter Baldur von Schirach im September 1940 als Baureferent nach Wien holte. Dunstmann radierte etwa die Leopoldstadt aus, in der viele Juden wohnten, um ein monströses " Gauforum" errichten zu können. Er machte sich auch Gedanken zum Heldenplatz, der gegenwärtig wieder als Gedächtnisort diskutiert wird. Dunstmann drehte die Ausrichtung um 90 Grad: von der Achse Michaelertor/Hofstallungen, also dem unvollendeten Kaiserforum, hin zur "Neuen Burg".

Neben der Ringstraße sollte, wie Ingrid Holzschuh in ihrem eben veröffentlichten Band Wiener Stadtplanung im Nationalsozialismus von 1938 bis 1942 (Böhlau-Verlag) erläutert, ein quadratischer Neubau errichtet werden, der als "Haus des Führers" zeitgenössische, also systemkonforme Kunst beherbergt hätte. Den Abschluss gegen den Volksgarten hin sollte eine Heldengedenkstätte bilden: Dunstmann schlug vor, den Theseustempel, 1823 von Pietro Nobile errichtet, abzutragen - und auf einen 30 Meter hohen Granitsockel zu stellen.

Im April 1942 forderte Speer auf, "die nichtkriegswichtigen Bauvorhaben unverzüglich stillzulegen", Dunstmann kehrte zurück nach Berlin. Nichts war realisiert worden. Und kaum etwas erinnert in Wien heute an die NS-Zeit - abgesehen von den sechs monströsen Flaktürmen. Die Drehung der Achse aber blieb: Als "Bühne" nahezu aller Veranstaltungen auf dem Heldenplatz dient die "Neue Burg", von deren Balkon aus Adolf Hitler am 15. März 1938 den Anschluss der "Ostmark" ans Dritte Reich verkündete.

Abgesehen davon, datieren die letzten baulichen Veränderungen auf dem Heldenplatz aus der Zeit des Austrofaschismus: 1933/34 wurde das Äußere Burgtor (neben dem Ring) von Rudolf Wondracek zum Heldendenkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs umgestaltet. 1935 entstanden links und rechts vom Burgtor die Pylonenportale mit Adlerskulpturen von Wilhelm Frass, der sich brüstete, illegaler Nationalsozialist gewesen zu sein. Im gleichen Jahr schuf Frass die Skulptur eines Toten Kriegers aus rotem Marmor für die Krypta im nordwestlichen Flügel des Heldendenkmals.

Zudem ist der Heldenplatz mit den Reiterstandbildern von Erzherzog Karl und Prinz Eugen von Savoyen, die zu den erfolgreichsten Feldherren der Monarchie zählen, eigentlich ein Ort der Demütigung: Er wurde angelegt, weil Napoleon 1809 die Burgbastei, die sich auf dem Gebiet des heutigen Heldenplatzes befand, sprengen ließ. Und im Revolutionsjahr 1848 wurde das Areal, damals der äußere Burgplatz, zum Schlachtfeld mit mehr als 2000 Toten.

Ist dieser befehdete Platz daher überhaupt ein geeigneter Ort des Gedenkens? Die Stadt Wien sucht derzeit, wie berichtet, einen Standort für ein Deserteursdenkmal. Fünf Orte wurden in die engere Wahl gezogen, darunter der Ballhausplatz und auch der Heldenplatz. Harald Walser von den Grünen setzt sich für das Projekt ein - und plädiert für eine komplette Neugestaltung des gesamten Heldenplatzes. Er nahm daher mit Heinz Fischer Kontakt auf.

"Zeitgemäße Gedenkkultur"

Und der Bundespräsident antwortete: "Im Übrigen möchte ich Ihnen zustimmen, dass - über den konkreten Anlass hinausgehend [eines Desserteursdenkmals] - das gesamt Ensemble des Heldenplatzes im Hinblick auf eine zeitgemäße Gedenkkultur Gegenstand von politischen, historischen und städteplanerischen Überlegungen werden sollte. Wahrscheinlich nimmt eine solch umfassende Betrachtung und Erneuerung einen längeren Zeitraum in Anspruch, was allerdings keineswegs gegen eine derartige Herangehensweise spricht." Er, Fischer, werde, wo es sinnvoll erscheint, seinen Standpunkt einbringen.

Im Zentrum des aktuellen Streits steht die Krypta. Als Mitglied der Militärhistorischen Denkmalkommission des Verteidigungsministeriums hat der Historiker Peter Pirker "vor längerer Zeit vorgeschlagen, die gesamte Nutzung des ,Heldendenkmales' neu zu diskutieren" - vor allem durch das Bundesheer. "Eine vorübergehende Schließung wäre eine Möglichkeit, einen Bruch zu symbolisieren", sagt er. Pirker schränkt aber auch ein: Der Bruch müsse weniger in der Architektur, sondern im Denken und Handeln stattfinden. "Von einer Schleifung halte ich nichts, man sollte es historisieren", sagt er.

Auch der Grazer Historiker Stefan Karner warnt: "Jetzt alles zu schleifen, was aus heutiger Sicht bedenklich erscheint - zu Recht oder zu Unrecht -, ist aus meiner Sicht nicht zielführend." Generell sei er dafür, dass "man historische Denkmäler, wenn es denn notwendig ist, kontextualisiert, also in einer entsprechenden Form dazuschreibt, welche Bedeutung das damals hatte und wie es heute gesehen wird".

"Kein Denkmalabreißer"

Ein Zeichen, das den veränderten Umgang sichtbar macht, fordert auch die Historikerin der Akademie der Wissenschaften, Heidemarie Uhl, ein. Wie Karner - "Ich bin kein Bilderstürmer und kein Denkmalabreißer" - will auch Uhl mit Zusatzinformationen arbeiten: Es gehe nicht darum, die Krypta "als historisches Denkmal komplett zu verändern oder zu zerstören. Das kann eine Inschrift sein, ein Plakat, das zeigt, wie die heutige Republik mit dieser Zeit umgeht." Lange zuwarten könne man aber nicht mehr: "Weder die Bundesregierung noch der Bundespräsident werden wohl eine Freude haben, nach dieser öffentlichen Diskussion dort noch einen Kranz niederzulegen."

Auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) meint, "dass es an der Zeit wäre, das Burgtor neu zu gestalten. Man sollte diesen zentralen Ort, der immer wieder für symbolische Akte der Republik genutzt wird, neu definieren. Und man sollte sich Gedanken machen, wie die Betonflächen links und rechts genutzt werden können." Mailath nahm Gespräche mit dem Verteidigungsministerium und der Burghauptmannschaft auf. "Ich glaube, dass dort das Deserteursdenkmal einen Platz finden kann." Zudem kann er sich einen Gedächtnisort für die Februarkämpfer des Jahres 1934 vorstellen. (Peter Mayr/Thomas Trenkler, DER STANDARD, 12.5.2012)

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"Zudem kann er sich einen Gedächtnisort für die Februarkämpfer des Jahres 1934 vorstellen."

Achso....also die die den Bürgerkrieg vom Zaun brachen auch noch ehren.....

ja ja

das sind ECHTE Sorgen: "wie gestalten wir den Heldenplatz neu?" ... während sich einfache Menschen überlegen, ob sie beim Hofer oder beim Lidl einkaufen sollen um über die Runden zu kommen.

schon "witzig", dass sich nach fast 70 jahren auch in diesem forum immer noch leute finden, die von "soldatenehre" schreiben und desertion aus der ns-armee für verbrecherisch halten...

macht irgendwie pessimistisch für die zukunft.

davonlaufen

ist nicht verbrecherisch, es ist einfach nur feig. vor 70 jahren und jetzt auch noch... glauben sie wirklich, die desserteure sind aus ideologischen gründen davongelaufen?

Kanakenstadt

Hat Hitler in "Mein Kampf" dieses Wort Kanake tatsächlich verwendet? Diese Bezeichnung hatte ja ursprünglich eine postive Bedeutung im Sinne von tapferen Kämpfern oder Seeleuten, erst in den siebziger Jahren wurde es für türkische Gastarbeiter verwendet. http://de.wikipedia.org/wiki/Kana... mpfwort%29

der heldenplatz war nach dem krieg ein gemüsegarten

das wäre doch heute wieder voll aktuell: ein selbstverwalteter bürgergarten wo's lebt und gedeiht, siehe gelungene beispiele in berlin oder new york.

das wäre gerade jetzt wo man im "volksgarten" kein stück wiese mehr betreten darf, ein gutes statement in sachen gemeinwohl, kooperation und partizipation.

Heldenplatz

Wenn man doch endlich Helden mit Opfer ersetzen würde. Ein Krieg kennt keine Helden nur Opfer.

Ich fürchte eher eine Umbenennung in "Täterplatz" oder "Platz der Schande" und einen weiteren Ort der wiedereinmal den 7 Jahren gewidmet wird.

Haben wir keine anderen Sorgen?

Oder hat mal wieder ein Bau und Sanierungsfuzzy einen G'spritzen gezahlt?

Lernen...

...aus den vielen Fehlern der Vergangenheit sollte angesagt sein.
Der monströse liegende "tote Soldat" sollte Anschauungsmaterial für museumspädagogische und philosophische Überlegungen zu einer lange schon bedenklichen Gedenkkultur werden.
Kein Mummenschanz von Schmissbrüdern sollte an diesem Ort mehr erlaubt sein, auch keine Kranzniederlegungen vor dem "unbekannten Soldaten" und keine "Ehrenwachen" des österreichischen Bundesheeres sollten dort weiterhin stattfinden. Alte Kontinuitäten müssten so viele Jahre nach dem Tausendjährigen endlich aufgebrochen werden.
Ein Umdenken müsste längst auch in den Spitzen der Polizei erfolgen, weisen doch die Schilde und Schlagstöcke der Polizisten zu lange schon immer in die falsche Richtung!

Der Heldenplatz ist ein geschichtstraechtiger Ort - lasst ihn so!

Geschichte gehoert richtig erklaert und vermittelt nicht begraben und versteckt!

wer die deutungshoheit hat, hat die macht

...Geschichte wird nicht bloß gemacht. Sie wird geschrieben und seit alters umgeschrieben - zum Zwecke des politischen Meinungskampfes und der Propaganda, wie sich meist erweist. In der Politik komme es nicht so sehr darauf an, Gutes und Richtiges zu tun, ist die goldene Regel der Politik. Vor allem müsse das Richtige darüber gesagt (und geschrieben) werden."

hiess es kürzlich zur Gauckwahl in der FAZ (kampf um deutungshoheit googlen).

ist zwar ein anderer zusammenhang, aber macht-politik geht immer nach demselben muster.

und irgendwer möchte geschichte, helden, traditionen aufweichen, verwerfen ...

wer möchte unser auch blutige geschichte reinigen und warum? und wer macht das für den rest der welt?

wie wäre ein denkmal unter dem motto:

"der zeit ihr denkmal , dem denkmal seine zeit"

zb. hbp als lebender beweiß für die heutige "politische" industrie

würd geld sparen und des beste , des denkmal is mobil und kann sogar sprechen und man kann sich des dann anhören wenn man will oder auch nicht, allerdings sollte man ihm nichts meht unterschreiben lassen

Wie wäre es mit einem Denkmal für jene, die im spanischen Bürgerkrieg gegen Franco gekämpft haben?

Ein Desserteursdenkmal?

Also ich finde diese Wortwahl denkbar falsch.
Für mich sind(waren) die Desserteure eben keine Desserteure sondern eben Helden (so sie aus einer politischen, moralischen oder weltanschaulichen Motivation ihren Schwur brachen - es gab und gibt ja auch andere)

;-)

Das fände ich gut. Ein dreifach hoch dem Dessert!

Das Dessert kommt in der Fastfoodzeit sowieso zu kurz.

Man sollte dieses Denkmal dann aber sowieso genauer spezifizieren. Ich halte ein allgemeines Desserteursdenkmal für eine Herabwürdigung jener Desserteure, die diesen Schritt wirklich aus moralischer Überzeugung gegen das Morden des Nazi-Regimes gesetzt haben und dann mit allen anderen in einen Topf geworfen werden. So halte ich es zwar nicht für wirklich verwerflich zu dessertieren um seine eigene Haut zu retten, aber eben auch nicht für denkmalwürdig.

Denkmäler haben

die Bedeutung die man ihnen selber gibt.

Es ist mal wieder typisch österreichisch sich hier in das eigene Nest zu pissen.

schauts kinder

wir wollen euch weich, so weich, dass ihr nimmer wissts was hint und vorn is und obs a manderl o ein weiberl seids. so weich, dass ihr über die vergangeheit - die wir selber immer wieder am köcheln halten - gar nimmer SELBER nachdenkts - des machen doch eh wir für euch. so weich, dass 2+2 fünf ist, oder halt des ergebnis des wir brauchen. mit anderen worten, so weich, dass ihr uns alles glaubt was wir euch erzählen, des könnt uns doch ALLEN so gut schmecken was wir euch aus der vergangenheit servieren, so gut dass ihr die gegenwart und die paar kleinen probleme die es gibt gar nicht mehr ernst nehmts, denn ihr seids doch gute menschen oder? na also, lassts es euch schmecken, ihr seid die zukunft auf die wir bauen

"Protozoa - Platz" wäre gut.

Die Umbennenung der Börse

..währe das Nächste. Vorschlag: Haus der Betrüger

Und das Parlament wird zum Haus der Verbrecher.

Konsequenterweiser sollten Sie "Betrühger" schreiben.

Am besten einen historisierten DeserteurInnenplatz

auf dem mehrmals jährlich die Staatsspitze den praktizierten Ungehorsam von Treueverpflichteten feiert. Festlich umrahmt von Schwulen- und Lesbenumzügen zu den Klängen der neuen Bundeshymne ("Töchtersöhne") im Stürmerpop-Style.

Im Zentrum sollte das aus alternativen Werkstoffen gefertigten Denkmal eines auf die Uniform urinierenden Deserteurs stehen. Daneben passt eine historisierende Fotoausstellung zu einem emotionalen Thema ("Bau der Westautobahn") sowie die historisch unaufgearbeitete Diskussion "ist das Institut der Krankenkasse politisch korrekt".

Die Namensgebung der Burgringes sollte der "Würde" dieses neu definierten Veranstaltungsortes auf Deserteursring geändert werden.

:D

Hab ich gelacht. Einfach klasse.
Genauso muss es sein.

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