Trotz Aufschwungs viele Arbeitslose

11. Mai 2012, 18:19
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Europas Wirtschaft dümpelt dahin, die Arbeitslosigkeit bleibt auf Rekordniveau, die Länderunterschiede sind groß

"In einigen Mitgliedstaaten gibt es beinahe Vollbeschäftigung", erklärt Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn Freitag in Brüssel bei der Präsentation der Frühjahrsprognose. Österreich, Deutschland, Luxemburg, auf die er anspielte, dürfen sich freuen. Sie weisen 2012 Arbeitslosenraten von nur 4,3 und 5,5 Prozent aus, was sich 2013 mit Anziehen der Konjunktur sogar noch verbessern soll.

Aber der Finne schaute dabei nicht froh: "In anderen Ländern gibt es aber extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit", fuhr er fort, "zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten gibt es erhebliche Unterschiede." Nicht nur bei der Beschäftigung.

Der Befund sehr großer struktureller Ungleichgewichte zwischen den Mitgliedstaaten, die die Krise verschärfen, findet sich in allen Grunddaten wieder (siehe Grafik). Im Schnitt soll die Arbeitslosigkeit auf dem spanischen Arbeitsmarkt 2012 bei 19,7 Prozent liegen, in Griechenland bei 24,4, in Irland bei 14,3, in Portugal bei 15 Prozent.

Verlorene Jugend

Fast jeder zweite junge Arbeitnehmer hat dort keinen Job. Das Ernüchternde laut Rehn: Dieser Trend setzt sich 2013 fort. Die Arbeitslosigkeit erreicht in der Eurozone mit elf Prozent im Schnitt gerade ein Allzeithoch. Daran wird sich in den kommenden 18 Monaten nichts ändern.

Anders beim Wachstum: Die Eurozone wird 2012 mit minus 0,3 Prozent der Wirtschaftskraft eine leichte Rezession haben, im EU-Raum stagniert sie. 2013 käme "ein leichter Aufschwung" von einem Prozent in der Eurozone, 1,3 Prozent EU-weit, sagt die Rehn-Behörde voraus.

Und das alles in einem global gar nicht so schlechten Umfeld: Die Weltwirtschaft wird 2012 um 4,2 Prozent wachsen, im Jahr danach immerhin um 4,3 Prozent. China wächst stabil.

Ausnahmen im Positiven gibt es vor allem in Nordeuropa. Polen, die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen kommen auch heuer schon auf ein Wachstum von mehr als zwei Prozent, 2013 über die Drei-Prozent-Marke und erweisen sich bei Defizitabbau und Schulden fast als musterhaft. In diese Gruppe fällt aber auch Rumänien, das seinen Absturz im Jahr 2009 (minus 6,6 Prozent des BIPs) überwunden zu haben scheint, bis 2014 sehr solide Wachstums- und Budgetsanierungszahlen vorlegen kann und beim Defizit unter der Maastricht-Grenze von drei Prozent liegen soll.

Die Sorgenkinder Rehns unter den Eurostaaten, die davon weit entfernt sind, sind jene, über die seit Monaten groß berichtet wird: Griechenland, Portugal, Spanien und Italien. Nur Irland hebt sich unter jenen Ländern, die Milliardenhilfen aus Eurorettungsfonds erhalten haben, dank guter Exporte positiv ab: Die Wirtschaft wächst wieder.

Sonderfall Frankreich

Griechenlands Wirtschaft schrumpft 2012 um 4,7 Prozent, sollte die jahrelange brutale Talfahrt aber 2013 beenden. Athen findet aus seinen Schulden nach wie vor nicht heraus, 2013 steigt die Schuldenaufnahme erneut (8,4 Prozent). Alles hängt nun davon ab, ob es gelingt, in Griechenland eine stabile Regierung zu bilden. Österreichs Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) wies in Wien Spekulationen zurück, wonach 1,5 Milliarden an Krediten für Athen praktisch verloren seien. Diese Befürchtung hatte zuletzt der scheidende Chef des Instituts für Höhere Studien, Bernhard Felderer, geäußert.

Kritisch ist die Lage aus Sicht der Kommission in Spanien, das auch noch 2013 eine Rezession haben wird. Madrid werde ohne weitere Maßnahmen das vereinbarte Ziel, das Defizit bis 2013 unter die Maastricht-Grenze zu bringen, verfehlen, bestätigte Rehn. Die Regierung in Madrid habe aber Schritte angekündigt.

Unter anderem sollen die Banken ihr Kreditrisiko mindern, indem faule Papiere ausgelagert werden, die Risikopuffer müssten um 30 Milliarden Euro erhöht werden. Die Regierung will aus eigener Kraft das Budget ordnen.

Ein besonderer Fall könnte auch Frankreich werden. Rehn bestätigte, dass Paris nach vorläufigen Zahlen 2013 mit einem Minus von 4,2 Prozent des BIPs den Abbau der Neuverschuldung unter drei Prozent verfehlen werde, anders als vereinbart. Der neue Präsident François Hollande kündigte jedoch eine Korrektur an.(Thomas Mayer, DER STANDARD; 12./13.5.2012)

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    Die spanischen Arbeitsämter werden auch 2013 viel zu tun haben.

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