"Wir brauchen deutlich weniger Derivate"

11. Mai 2012, 17:54
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Experten kritisieren unzureichende Regeln und fordern besseres Risikomanagement

Wien - Der Milliardenverlust der US-Großbank JPMorgan Chase hat nicht nur die Bank, sondern auch die Regulierung in die Kritik gebracht. "Wir haben bei vielen Investmentbanken ein chronisches Kapitalproblem", kritisiert im Gespräch mit dem Standard Adrian Blundell-Wignall, der stellvertretende Leiter der für Finanzmärkte zuständigen Abteilung der OECD. Die internationale Organisation forderte in einem Papier, das im Oktober veröffentlicht wurde, das Trennbankensystem, also eine Teilung von Investment- und Kommerzbanken. "Keine Privatkundenbank sollte sich in der Nähe von Kreditderivaten aufhalten", warnt Blundell-Wignall.

Der OECD-Experte kritisiert vor allem die Risikomanagement-Werkzeuge der Banken im Umgang mit Derivaten. Netting, also das Aufrechnen von verschiedenen Derivatepositionen zwischen Banken, würde zwar das Risiko der Abwicklung (Settlement) reduzieren, nicht aber das Marktrisiko. Netting erlaube Banken daher, das Risiko ihrer Positionen deutlich geringer einzuschätzen, als es wirklich sei und zu wenig Kapital zu hinterlegen, warnt der OECD-Experte. Gleichzeitig wäre die Derivate-Branche zu einem Ungetüm von mehreren hundert Billionen Dollar angewachsen (siehe Grafik). "Wir brauchen deutlich weniger Derivate", glaubt Blundell-Wignall.

Probleme beim Risikomanagement

Die Verluste der US-Großbank JPMorgan zeigen auch Probleme des Risikomanagements. Der Value-at-Risk (VaR) - diese Kennzahl zeigt an, wie viel eine Bank an einem relativ normalen Handelstag maximal verlieren sollte - in der verlustbringenden Abteilung des "Chief Investment Office" lag 2011 bei 60 Millionen Dollar. 33 Handelstage in Serie müsste die Abteilung den "maximalen" Verlust laut VaR in den Sand setzen, um zwei Milliarden zu verlieren. "Man braucht aber keinen VaR, um zu sehen, dass etwas schiefgelaufen ist, wenn in den Zeitungen über die Positionen eines Händlers geschrieben wird", kritisiert Will Rhode, Finanzexperte bei der Beratungsfirma Tabb Group.

Rhode kritisiert den naiven Einsatz von VaR zur Risikomessung. Wenn die Liquidität in einem Markt austrocknet, können Verluste deutlich höher sein als angenommen. Rhode geht davon aus, dass JPMorgan, ähnlich wie der Hedgefonds Amaranth Advisors 2006, in eine Liquiditätskrise stolperte. Der Fonds hatte im Erdgas-Markt sechs Mrd. Dollar verloren, weil er riesige Positionen angehäuft hatte und aus dem Markt nicht mehr herauskam. Das müsse gutes Risikomanagement unterbinden, auch wenn es nicht in den starren VaR-Messungen abgebildet sei. JPMorgan-Chef Jamie Dimon hatte selbst bereits 2009 kritisiert, dass VaR von den Banken selbst kaum verstanden wurde. "Im Kern des Problems der Finanzkrise stand schlechtes Risikomanagement", kritisierte er. (sulu, DER STANDARD; 12./13.5.2012)

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