Was tun, damit die Strategie kein Papiertiger wird?

11. Mai 2012, 18:00
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Eine aktuelle Studie des systemischen Beratungshauses osb-i zeigt die unterschiedlichen Sichtweisen von Führungskräften und Mitarbeitern auf Strategie, deren Implementierung und Loyalität

Die eine Frage, die im Zuge der Studienerstellung immer wieder auftauchte, war: "Ist die Unternehmensstrategie ein Papiertiger, oder zeigt sie auch tatsächlich Wirkung?" Reinhart Nagel, Vorstand des systemischen Beratungshauses osb-i und Experte für strategisches Management, holt zur Entstehung der kürzlich mit Meinungsraum.at fertiggestellten Studie - im Spannungsbogen zwischen Wirtschaftskrise und Strategieentwicklung - aus. Befragt wurden insgesamt 800 Personen, 300 Topmanager und 500 Mitarbeiter, von österreichischen Unternehmen ab 50 Mitarbeitern quer durch die Branchen.

Interessant ist diese Umfrage vor allem hinsichtlich der Diskrepanzen in den Antworten von Führungskräften und Mitarbeitern, weil nicht zuletzt dadurch deutlich wird, an welchen Bereichen Aufholbedarf gesehen werden kann - wenn man denn will.

Bei der Beantwortung der Frage, ob das Unternehmen über eine formulierte Strategie (Vision, Unternehmensstrategie, Produkt- und/oder Marktstrategie) verfüge, ist zwischen Führungskräften (82 Prozent stimmten sehr bzw. eher zu) und Mitarbeitern (72 Prozent) weitgehend Einigkeit zu sehen. Ganz anders stellt sich das bei der Frage nach der Einbindung in die Entwicklung der Unternehmensstrategie dar: 61 Prozent der Führungskräfte sehen, laut Studie, ihre Mitarbeiter eingebunden, seitens der Mitarbeiter wird der Wunsch nach einer Einbindung (80 Prozent) ausgesprochen, allerdings fällt dieser Wunsch nur für 37 Prozent auf fruchtbaren Boden. Nagel: "An diesem Punkt ist die Differenz zwischen Wollen und Können, Selbst- und Fremdbild deutlich."

Keine Überraschung, dass eine ähnliche Tendenz in Sachen Strategiekommunikation zu sehen ist: Zwei Drittel der Führungskräfte geben an, die Unternehmensstrategie aktiv zu kommunizieren, das wird aber nur von 50 Prozent der Mitarbeiter so gesehen.

Kaum Identifikation

Entsprechend gering - und das ist, so Reinhart Nagel, "ein kritischer Befund" - ist die Identifikation mit der Unternehmensstrategie. Nur 41 Prozent der Mitarbeiter finden sich darin laut Studienergebnissen wieder. Die Führungskräfte schätzen diesen Wert mit 55 Prozent höher ein. Nagel: "Wenn die Mitarbeiter hier nicht mitziehen oder kommittiert sind, nützt die beste Strategie nichts. Hier sollte man dringend ansetzen."

In Unternehmen, in denen eine definierte Strategie vorhanden ist, wird diese seitens der Mitarbeiter zwar nur zu 50 Prozent als "aktivierend und motivierend", dennoch als konsequent umgesetzt erlebt. Dabei gilt die klare Definition von Maßnahmenpaketen zur Umsetzung - sowohl für Führungskräfte als auch für Mitarbeiter (jeweils rund 70 Prozent Zustimmung) - als zentraler Erfolgsfaktor.

Das Ausmaß der Umsetzung wird von beiden Seiten - Führungskräften wie Mitarbeitern - gleich eingeschätzt: Sowohl 64 Prozent der Mitarbeiter als auch der Führungskräfte sehen eine klar definierte und spürbar umgesetzte Strategie. "Eine gute Nachricht", kommentiert Reinhart Nagel, " weil das bedeutet, dass Projektmanagement und Monitoring et cetera deutlich verbessert worden sind, die Organisationen also gelernt haben." Klar wird darüber hinaus auch, dass Strategie und deren Umsetzung immer mehr als gemeinsame Leistung wahrgenommen werden, dass an einem Strang gezogen wird. Auch wenn der Optimismus hinsichtlich der Krisenresistenz der Unternehmen divergiert: Knapp 70 Prozent der Führungskräfte sehen ihr Unternehmen gut für Krisensituationen gerüstet und 50 Prozent der Mitarbeiter.

Die Detailergebnisse des "Vertrauensindex" zeigen, dass die Führungskräfte beim Meistern von Krisen ihren Mitarbeitern und Führungskräftekollegen am meisten zutrauen. Nagel: "Ganz nach dem Motto ' Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner'." Am wenigsten vertrauen Führungskräfte wie Mitarbeiter der Politik (lokal, national, international), den Banken und Medien und - das ringt Nagel ein Grinsen ab - den Unternehmensberatungen.

Nach weiteren möglichen Erfolgsfaktoren für eine Strategieumsetzung befragt (siehe Grafik), antworteten die Führungskräfte, so Nagel, eher " technokratisch", während die Mitarbeiter emotionalere Themen ansprachen. Wohl auch ein Indikator dafür, dass die Loyalität von Mitarbeitern und ihr Grad der Identifikation mit den Unternehmungen niedrig bleiben werden, wenn man hier nichts verändert, transparenter kommuniziert, mehr einbindet. Nagel: "Die Aufgaben werden zwar gemacht, aber mit dem Herzen, so scheint es, ist man nicht dabei." (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

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