Wo die Kids nicht nur kicken lernen

11. Mai 2012, 17:46
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Die Käfig League lädt interessierte junge Straßenfußballer zum gemeinsamen Match

Wien - Der Ball kullert langsam in Richtung Gitter. Aber keiner der rund 20 jungen Kicker schaut oder läuft ihm hinterher. Das Interesse gilt der Mitte des Käfigs. Dort steht ein Knäuel Kinder um den kleinen Samid herum, dem von einem älteren Jugendlichen aus einer anderen Gruppe der Arm gerade schmerzhaft verdreht wird. "Der Kleine verarscht mich immer", rechtfertigt sich der Große. Die Atmosphäre ist angespannt.

Ein Trainer, der die Fußballer um Samid betreut, mischt sich ein. Ein paar Worte werden gewechselt, der Griff um Samids Arm lockert sich. Dann ist wieder alles gut, und die Kids jagen dem Ball hinterher. "Solche Situationen kommen im Käfig immer wieder einmal vor", sagt Alexander Schneider. "Es geht um Revierkämpfe. Wir versuchen zu schlichten und den Kindern zu zeigen, dass man durch Reden mit- und Respekt voreinander am weitesten kommt."

40 Coaches, 600 Burschen und Mädchen, 25 Käfige

Und schließlich soll der Spaß im Vordergrund stehen. Wie hier am Kapaunplatz im 20. Wiener Bezirk treffen sich Kinder zwischen sechs und 13 Jahren einmal wöchentlich, um gemeinsam und unter Aufsicht zu trainieren. Die kostenlose, von der Bank Austria geförderte Initiative läuft seit 2010 unter youngCaritas Käfig League. Projektleiter Schneider betreut mit 40 Coaches rund 600 Burschen und Mädchen in 25 Käfigen in ganz Wien. Die Betreuer sind Studenten, Pädagogen, Psychologen, Schüler. Emre (16) war vor zwei Jahren selbst Käfig-League-Kicker, jetzt trainiert er die Kids jeden Dienstag am Kapaunplatz nahe der Donauinsel.

"Am Anfang haben sich die Urwiener gar nicht hereingetraut", erzählt Schneider und verweist auf den hohen Migrantenanteil bei den Straßenkickern. "Die einzige Bedingung bei uns ist: Jeder muss mit jedem zusammenspielen können." Nationalteams gibt es keine. Fans von Barcelona dürfen sich aber formieren und auf dem Asphalt gegen jene von Chelsea kicken. So werden Teams international durchmischt.

Am Kapaunplatz sind zum Beispiel dabei: Elena aus Serbien. Simona, Manuela und Leonhard aus Rumänien. Damir aus Mazedonien. Samid aus der Türkei. Und: Marcel und Vanessa aus Österreich. "In anderen Käfigen haben wir auch noch Spieler aus Frankreich, England, Albanien, Iran, Pakistan, Sudan oder aus dem arabischen Raum dabei", sagt Schneider. Das sind nur die Nationen, die ihm ad hoc einfallen.

Arnautovic, Kavlak und Prohaska

Manch ein vorzüglicher Techniker hier hätte es sich verdient, von einem Fußball-Scout näher unter die Lupe genommen zu werden. Profis wie Marko Arnautovic, Veli Kavlak und Herbert Prohaska sind schließlich ebenfalls im Käfig entdeckt worden. Aber auch die Sechs- und Siebenjährigen haben Spaß an den Bewegungs- und Technikübungen. Zum Schluss gibt es das verdiente Kickerl.

Einmal im Monat finden Turniere statt. Dann spielen etwa die Käfigkicker vom Rennbahnweg gegen die vom Schöpfwerk. Das Finale findet im Rahmen des Donauinselfestes statt. "Viele Kids lernen so auch andere Grätzel kennen", sagt Leo Vasile.

Der 25-jährige Bürokaufmann mit rumänischen Wurzeln ist seit Beginn der Käfig League als Trainer engagiert. Für viele Kinder ist er auch Ansprechpartner bei Problemen in der Schule oder zu Hause, mit Eltern hat er regelmäßig Kontakt. Einmal hat Leo von einem Kind erfahren, das noch nie die Ringstraße gesehen hat. "Ich habe dann im Käfig herumgefragt, wer noch nie am Ring war", sagt Leo. "Das war dann eine richtig große Gruppe, die bei dem Ausflug mit dabei war."

Während Leo das erzählt, hat er beim Match ein Foul übersehen. "Was bist du für ein schlechter Trainer?", pfaucht ihn der Gefoulte an. "Sei nicht so frech", kontert ein noch nicht zehnjähriger Mitspieler. Dann ist das Training beendet, fast jedes Kind gibt Leo beim Abschied die Hand. "Bei uns lernen sie sicher nicht, wie man Profifußballer wird", sagt Schneider. "Aber die Werte, die wir ihnen mitgeben, helfen ihnen im Alltag und in der Schule." (David Krutzler, DER STANDARD, 12.,13.5.2012)

  • Alexander Schneider (29) betreut rund 600 Kicker.
    foto: standard/ andy urban

    Alexander Schneider (29) betreut rund 600 Kicker.

  • Am Kapaunplatz jagen Burschen wie Mädchen dem Ball hinterher. In 25 Wiener 
Käfigen wird bereits unter Aufsicht gekickt.
    foto: standard/ andy urban

    Am Kapaunplatz jagen Burschen wie Mädchen dem Ball hinterher. In 25 Wiener Käfigen wird bereits unter Aufsicht gekickt.

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