"Mit dem Boxen kann man besser punkten"

Interview11. Mai 2012, 17:46
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Die Spiele in London sind das Ziel von Kickboxerin Nicole Trimmel, die dafür die Sportart wechseln muss. Ruhigstellung der aggressiven Beine das geringste Problem

Standard: Wie schwer ist es für eine gelernte Kickboxerin, in kritischen Boxsituationen die Beine auf dem Boden zu behalten?

Trimmel: Das ist Gott sei Dank eine leichte Aufgabe, weil es ja auch im Training bewusst limitierende Aufgabenstellungen gibt. Hier ist es eben die Aufgabe, die Beine auf dem Boden zu behalten. Ich habe auch in meiner Kickbox-Vorbereitung viel Boxsparring, da ist der Impuls in Situationen, in denen der Kick ideal wäre, schon stark gewesen. Ich bin aber seit Jänner auf das Boxen konzentriert, also ist dieser Impuls auch in schwierigen Situationen, in Drucksituationen, komplett ausgeschaltet.

Standard: Wie groß ist der Unterschied tatsächlich?

Trimmel: Das Boxen ist für mich eine Horizonterweiterung, man lernt neue Trainingsinhalte, neue Denkweisen kennen. Von der psychischen Belastung ist der Unterschied zum Kickboxen nicht groß. Die Taktik ist anders, aber die Wettkampfsituation, das ganze Drumherum, ist ähnlich. Ich bin recht nervenstark und habe eine hohe Wettkampferfahrung. Das hilft beim Umstieg. Im Boxen ist die Aktionsdichte sicher höher als im Kickboxen, wo ich mir die Gegnerinnen mit dem Kick länger vom Hals halten kann. Ich habe einen starken Frontkick, mit dem kann man sich mehr Luft verschaffen als mit einem Boxschlag.

Standard: Gibt es athletische Unterschiede?

Trimmel: Ich bin für die olympische Chance eine Gewichtsklasse nach unten gegangen, habe drei, vier Kilogramm abgenommen, was schwierig war, weil ich ja gut austrainiert bin. Die nächsthöhere Klasse bis 65 Kilo ist nicht olympisch, die darauffolgende Klasse, bis 75 Kilo, ist auch nichts für mich. Solche Kämpfe habe ich beobachtet, das ist nur noch eine Materialschlacht. Da stehen die russischen Eichen drinnen, die Hammerwerferinnen von damals.

Standard: Sind die Olympischen Spiele die einzige Motivation, auf das Boxen umzusteigen? Geht das über den Anreiz Olympia hinaus?

Trimmel: Kickboxen ist nur bei den World Combat Games, quasi den Spielen der nichtolympischen Kampfsportarten, verankert. Es gibt Bemühungen, aber bis das Kickboxen tatsächlich olympisch ist, wird es mich als Sportlerin nicht mehr geben. Natürlich ist Olympia auch eine Chance, bekannter zu werden. Mit Boxen kann jeder etwas anfangen, da kann man besser punkten.

Standard: Wäre es da nicht logisch, irgendwann auch Profiboxerin zu werden?

Trimmel: Nein, als Profiboxerin sehe ich mich nicht. Ich habe im Kickboxen schon Profikämpfe gemacht, das ist finanziell eine andere Liga, aber ich kenne auch die Kehrseite der Medaille. Man bekommt für einen Profikampf vielleicht 500 Euro, sieht aber nicht die Vorbereitungskosten, die so ein Kampf verschlingt, oder die Gefahr einer schwereren Blessur, die man sich ohne Helm zuziehen kann. Im Kickboxen darf ich einen Profikampf machen, ohne den Amateurstatus zu verlieren. Im Boxen geht das nicht.

Standard: Ist im Kickboxen der Wildwuchs, was die Verbände und deren Titel betrifft, ähnlich groß wie im Boxen?

Trimmel: Die Probleme gibt es da wie dort ja nur im Profibereich, nicht bei den Amateuren. Es gibt auch im Kickboxen einige Verbände, die kommen und irgendwelche Titel vergeben. Die haben aber leider Gottes oft keinen qualitativen Stellenwert. Man hört ja immer wieder, der ist Weltmeister, ist Europameister oder hat den Kontinentaltitel. Da kämpft, überspitzt formuliert, oft der Derische gegen den Blinden. Und die bekommen im Endeffekt einen WM-Gürtel. Für den Laien ist das nicht nachvollziehbar. In der Szene weiß man schon, wo die guten Leute drinnen sind. In Österreich gibt es den von der BSO anerkannten Bundesfachverband für Kick- und Thaiboxen, dessen Richtlinien wir alle unterliegen. Und es gibt die WAKO, die World Association of Kickboxing Organizations, deren Weltmeisterin ich bin und schon war - bei den Profis und bei den Amateuren.

Standard: Wie kamen Sie gerade zu diesem Sport?

Trimmel: Mich hat Kampfsport immer fasziniert, ich habe schon als Kind gewusst, dass ich so etwas lernen will, aber eher etwas Traditionelles wie Karate oder Kung-Fu. Es sollte immer etwas mit Händen und Beinen sein, weil mich die Dynamik faszinierte. Ich kam relativ spät, mit 15, 16, zu einem Anfängerkurs, wo einige aus meiner Ortschaft schon trainiert haben. Ich war gleich in guten Händen. Und irgendwann entbrennt eben das Feuer.

Standard: Das Frauenboxen ist in Österreich erst in der Anfangsphase. Sehen Sie sich durch Ihr Engagement in einer Vorreiterrolle?

Trimmel: Es kann der Sportart nur guttun, wenn es jemanden gibt, der nach außen strahlt, der etwas wagt. Vielleicht kann ich damit auch jemanden animieren.

Standard: Ist hierzulande Kickboxen oder Karate für Frauen eher akzeptiert als das Boxen?

Trimmel: Das kann sein, weil ja viele Leute Männerboxkämpfe sehen und gleich einmal glauben, dass sie Experten sind. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 12./13.5. 2012)

NICOLE TRIMMEL (29) aus Oslip im Burgenland ist Kickbox-Weltmeisterin im Leicht- und Vollkontakt. Insgesamt gewann die HAK-Absolventin, die in Eisenstadt für die Kickboxing Academy und den Box Athletic Club kämpft, bei den Amateuren fünf und bei den Profis zwei Weltmeistertitel. Zudem sammelte Trimmel bisher einen EM- und 15 Staatsmeistertitel. Burgenlands Sportlerin der Jahre 2004 und 2005 wirkt im Sportreferat der Landesregierung. Dort ist sie mit diversen Schulprojekten beschäftigt.

Link: nicole-trimmel.at

  • Nicole Trimmel ohne Helm, der Box- und Kickbox-Amateuren vorgeschrieben ist.
    foto: www.nicole-trimmel.at

    Nicole Trimmel ohne Helm, der Box- und Kickbox-Amateuren vorgeschrieben ist.

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