Flaschenpost für alle Wiener

  • Eine schirmgestützte Wiener Festwochen-Eröffnung am 11.5. im Zeichen der "Eurovision Young Musician Competition": Im Bild die Generalprobe des Radio-Symphonieorchesters (RSO) unter der Leitung von Dirigent Cornelius Meister.
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    foto: apa/neubauer

    Eine schirmgestützte Wiener Festwochen-Eröffnung am 11.5. im Zeichen der "Eurovision Young Musician Competition": Im Bild die Generalprobe des Radio-Symphonieorchesters (RSO) unter der Leitung von Dirigent Cornelius Meister.

Die Wiener Festwochen 2012 wagen sich auf das höchst unübersichtliche Terrain der Weltgesellschaft hinaus: eine Verquickung von Krise und Kunst

Die Nachrichten aus dem Planungsbüro der Wiener Festwochen sind solche, die einen mit Blick auf die Weltlage unbehaglich stimmen müssen. Das diesjährige Festwochen-Programm umfasst 31 Premieren und macht sich "Into the city" auf. Es erschöpft sich weder in Staraufgeboten, noch huldigt es einem besonders kulinarischen Theaterbegriff. Es beschäftigt sich laut Schauspielchefin Stefanie Carp mit der "Anatomie der Krise".

Die Weltgesellschaft wird vom Zirkulieren der Geldwerte, vom Verschieben der Menschen und Waren in helle Aufregung versetzt. Choreografen aus aller Herren Ländern sind die Übersetzer der neuen Strömungslehren: Nichts und niemand kann die Bewohner der globalen Gesellschaft an der "freien" Bewegung hindern. Tanz- und Bewegungstheater bildet daher nicht ganz zufällig einen Schwerpunkt des diesjährigen Programms.

Zugleich werden Zäune rund um die Wohlstandsbezirke errichtet. "Einwanderungsländer" zerfallen in parallelgesellschaftliche Entitäten. Die Teilhabe an Mitbestimmung, die Ermöglichung von Konsum wird den Neuankömmlingen in den neuen Heimatländern eifersüchtig verwehrt. Die Festwochen sind 2012 vor allem eines: eine Themenreihe zum Phänomen der Segregation. Das Bedürfnis nach Abgrenzung wird überall von quälenden Abstiegs- und Verlustängsten genährt.

Die großen Theaterstoffe aber sind in einer solchen Situation der Unübersichtlichkeit willkommene Flaschenpostsendungen. Botho Strauß' "Groß und klein" ist in Sydney gestrandet. Weltstar Cate Blanchett gibt ab Samstag im Wiener Museumsquartier die Rolle der Lotte-Kotte, einer unruhigen Wanderin durch die Wohlstandszone, deren reines Herz an der Stumpfheit der Mitmenschen zerbricht.

Eine Uraufführung wie diejenige von Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez" unter der Regie von Luc Bondy (ab kommendem Dienstag) nimmt sich dagegen wie die Erinnerung an eine Zeit aus, als das Sinnieren noch geholfen hat. Ariane Mnouchkine bereist in "Les Naufragés du Fol Espoir" die längst versunkenen Kontinente der Stummfilm-Kinematografie.

Simon McBurney stürzt mit seinem Londoner Complicite-Theater hinab in das Moskau der Stalin-Ära. Die Romanadaption "The Master and Margarita" ist jedoch kein bloßer Fingerzeig auf den Totalitarismus eines vergangenen Zeitalters. McBurney, der inszenierende Hollywoodstar, predigt auf spielerische Weise und unter Zuhilfenahme des leibhaftigen Teufels das Evangelium des Erbarmens: Auch wir haben uns unserer Mitmenschen anzunehmen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

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