Die Bürgersteige in D.C.

11. Mai 2012, 17:08
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Manchmal, nur manchmal wäre ein erhöhter Faktenanteil ohne Kommentierung schön

Für jeden, der sich zum Beispiel über den Fortgang der griechischen Koalitionsgespräche auf dem Laufenden halten will, ist der Konsum der "Zeit im Bild" unumgänglich. Der Genießer spröder News darf auf die Einhaltung zwar ungeschriebener, aber unverbrüchlicher Gesetze der Gestaltung hoffen.

Deren erstes lautet: Kaum ist von Athen die Rede, sieht man einen Gardesoldaten, der in der Adjustierung eines peloponnesischen Ziegenhirten dünne, mit Spagat umwickelte Beinchen wirft. Der geübte Zuseher weiß in der Sekunde: Es ist Feuer am Dach des griechischen Parlaments. Die EU-Staatsführer tagen in Permanenz und schnüren bereits das nächste Milliardenpaket. Dabei tut der arme Soldat bloß, was ihm seine Generäle in der Jahren des Wohlstands eingedrillt haben.

Gesetz Nummer zwei: Jede Mitteilung einer Neuigkeit gipfelt unvermeidlich in der Zuschaltung des zuständigen Korrespondenten. Kaum sind ein paar wenige Sätze über Obamas Plädoyer für die Homo-Ehe verklungen, schon ruht die Kamera auf Wolfgang Geiers oder Hanno Setteles Gesicht.

Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Es handelt sich um ernste, um ehrenwerte Gesichter. Die Damen und Herren ORF-Korrespondenten äußern sich fast immer kompetent. In ihrem Rücken sieht man meistens zähen Fließverkehr (der Kairo-Effekt von Karim El-Gawhary!), auch lernt man die torfbraunen Bürgersteige von Washington, D. C. kennen und meint fälschlich, in der Welt herumgekommen zu sein.

Manchmal, nur manchmal wäre ein erhöhter Faktenanteil ohne Kommentierung schön. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

  • Hanno Settele berichtet für den ORF aus Washington.
    foto: tvthek.orf.at

    Hanno Settele berichtet für den ORF aus Washington.

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