Freiheit der Kunst: Schwester Oberin

Glosse | Andrea Schurian, 11. Mai 2012, 17:21
  • "Bedroht" die Documenta: Balkenhol-Statue auf der Elisabethkirche von Kassel
    foto: apa/ epa / zucchi

    "Bedroht" die Documenta: Balkenhol-Statue auf der Elisabethkirche von Kassel

Gebt der Kunst Glaubensfreiheit

Gottes Bodenpersonal ist rasch gekränkt. Die eine Klerikalfraktion führt - mitunter tödliche - Abwehrkämpfe gegen Teufelswerke wie Karikaturen und Texte. Aktuell gerät der in Deutschland lebende iranische Rapper Shahin Najafi in Gefahr.

Eine andere leidet, wenn Martin Kippenbergers Froschskulptur an den Gekreuzigten erinnert; Hermann Nitsch Blut und Wunden, Kreuze und Messgewänder gemeinsam mit Hygieneartikeln orgienmysterisch aufarbeitet; oder Gerhard Haderers übers Wasser wandelnder Jesus einem kiffenden Hippie ähnelt. Respekt vor dem Glauben und dessen Inhalten!, fordern die Gottesmänner.

Dann sagen, wie das Amen im Gebet, die Kunstschaffenden, man dürfe überhaupt nur an eines glauben: an die Freiheit. Vor allem an die der Kunst.

Doch an die darf man jetzt auch nicht mehr glauben. Schuld daran ist nicht etwa ein Mufti oder Pfarrer, sondern die Schwester Oberin aus dem Orden der Documenta: Carolyn Christov-Bakargiev fühlt sich von einer Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol (unverdächtig, ein christlicher Verkläriker zu sein) auf dem Kasseler Kirchturm wörtlich "bedroht". Sie fordert "Respekt" für ihre absolute - oder eher doch absolutistische? - Kunstkongregation: Nichts außer der Documenta darf während der Documenta in Kassel verehrt werden.

Freiheit der Kunst? Ein andermal.   (DER STANDARD, 12./13.5.2012)

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der freiheit ihre kunst, der kunst ihre freiheit

Es erhebt sich da natürlich auch die Frage

ob auch wirklich alles Kunst ist was sich als solche ausgibt.

Nein, die Frage erhebt sich gerade nicht. Zumindest nicht in aufgeklärten Köpfen, die die Pflichtschule hinter sich gelassen haben.. Kunst ist alles, was der Künstler/die Künstlerin Kunst nennt.

"Kunst" leitet sich von "können" ab und nicht von "wollen" ;-)

Wenn ich jetzt im Winter auf dem Stephansplatz meinen Namen in den Schnee pinkle, wohlgemerkt ich bin ja Künstler, dann ist das laut ihrer Definition Kunst. Die Polizei und etwaige Passanten könnten das anders sehen. Oder ist es vielleicht doch nicht so leicht Kunst zu definieren?

Goethe hat es seinen Torquato Tasso so sagen lassen:

"Und wenn ein Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide"

:-) beim Schneepinkler wars wohl dann Dionysos
Thyrsigeri multi, paucos afflavit Bacchus

Dann erhebt sich doch die Frage

wer ist Künstler? Selbsternannt?

für dich noch eine Definition:
Künstler ist, wer deine eingefrorene geistige Maschin mit einem einzigen Hammerschlag wieder zum Laufen bringt und dir dann zu Recht folgende Rechnung stellt:
ein Klopfer mit Hammer: 1 Euro
gewusst wo: 1000 Euro
----------
Summe 1001 Euro

Die Verarschung der Menschen

durch zeitgenössische "Kunst" hat GottseiDank nur kleinere Kreise erreicht. Der Grossteil der Öffentlichkeit kann mit einem an die Wand genagelten Hut nichts anfangen. Die "Idee" ist auch nicht mehr wert als der Nagel.
Dieser Unsinn wertet die Arbeit jedes wirklichen Künstlers ab.

:-) könnt einerseits was dran sein. Andererseits könnt auch das gelten, was Lichtenberg über Bücher sagt: "Ein Buch ist wie ein Spiegel. Wenn ein Aff hineinschaut, kann freilich kein Apostel heraussehen"

Kann es sein

dass es nicht an dem liegt der in die Schei..e tritt sondern an dem der sie hinterlassen hat?

Dazu hier gern meine Meinung: sollte das passieren was du andeutest, dann ist das mit bissl Wasser und Seife gleich erledigt. Sollte ich aber jemandem begegnen, der mir was von entarteter Kunst flüstern will, dann bring ich das mit Tensiden nicht so leicht weg.

Entartete Kunst gibt es nicht.

Es gibt aber Dilettanten die gerne Künstler wären, und zwar mehr als genug.

dazu zitier ich dir gern den Egon Friedell:
...dass allen menschl Betätigungen nur so lange eine wirkliche Lebenskraft innewohnt, als sie von Dilettanten ausgeübt werden...nur bei ihm decken sich Mensch und Beruf...der Fachmann kennt die Tradition zu genau und ist fast nie in der Lage eine Revolution hervorzurufen, weiß oft zu viele Einzelheiten um die Dinge noch einfach genug sehen zu können...Joule war Bierbrauer, Frauhofer Glasschleifer,Faraday Buchbinder, Gregor Mendel Pfarrer...

Lebenskraft ist nicht gleich Kunst

so kannst net diskutieren Kollege: Schlagworte aufklauben ohne Sinnzusammenhang
onestone ist kein Einstein :-)

Bei Ihrem nächsten Urlaubsflug

wünsche ich Ihnen einen Dilettanten am Steuerknüppel und Ihnen viel Lebenskraft.

ja bist eh witzig. Andererseits glaub ich, du hältst nur den Hirschen in deinem Schlafzimmer für "Kunst", weil er so schön der Natur gleicht, während ein Klee ein Dilettant sein muss, weil Symbole machen noch keine Kunst

übrigens, um konkret zu bleiben: vom Künstler erwart ich mir auch nicht, dass er mich mit einer vorgefertigten Maschin von A nach B bringt, sondern dass er mir Dinge sichtbar/spürbar macht, die ich sonst nicht ohne weiteres seh oder spür - und wenns die Absurdität der Welt wär

Naja, wer für seine Bewusstseinserweiterung

Symbole braucht dann soll er sie doch haben.
Gibts aber beim Grafiker billiger!

womit wir wieder beim Lichtenberg wären

ausserdem kommts drauf an wofür der Hut steht. Ich darf dich dran erinnern, dass der nicht gegrüßte Hut Gesslers (= der Hut Habsburgs, Tell hätt ihn ebenso gut an die Wand nageln können) zur Gründung der Schweizer Eidgenossenschaft geführt hat

Was hat das mit Kunst zu tun?

ist das so schwer? du sagst, der an die Wand genagelte Hut ist nichts wert. ich sag dir am Beispiel, dass der Wert der Performance eines an die Wand genagelten Hutes vom Kontext abhängt und im Extremfall eine ganze Welt verändern kann.

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