Zentralafrikanische Republik: 100 Ärzte für vier Millionen Menschen

20. Juni 2012, 05:30
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Seit sieben Jahren tobt im Land ein Bürgerkrieg, seit Beginn des Jahres sind wieder Tausende auf der Flucht

Martin Möschel hatte Glück. Der Chirurg aus Vorarlberg ist bereits seit zehn Jahren in Krisenregionen unterwegs. Als er Ende 2011 für zwei Monate in der Zentralafrikanischen Republik war, ruhten die Waffen. Die Rebellengruppen des bürgerkriegsgeschüttelten Lands begannen abzurüsten und sich an die Friedensvereinbarung mit der Regierung zu halten. 

"Im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern herrschten damals in der Zentralafrikanischen Republik sehr ruhige Verhältnisse", sagt Möschel zu derStandard.at. Daher musster er auch nur wenige Opfer von Gewalt oder Kriegshandlungen operieren.

Tausende Menschen auf der Flucht

Doch sollte am internationalen Flüchtlingstag der UNO, am 20. Juni, auch an die Situation in der Zentralafrikanischen Republik erinnert werden. Denn nur kurze Zeit nach der Abreise des Arztes ging das Morden weiter. Seit Ende Jänner 2012 kämpfen die bewaffneten Gruppen im Norden des Landes an der Grenze zum Tschad wieder. Ende Februar veröffentlichte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes ein "Operational Update", in dem von den Auswirkungen der Kämpfe auf die Bevölkerung gewarnt wird. 

Demnach sind tausende Menschen auf der Flucht und verstecken sich entweder bei Verwandten in anderen Dörfern oder im Busch. "Diese Leute benötigen Wasser und Lebensmittel", sagt Katharina Ritz, die der Rot-Kreuz-Delegation in der Hauptstadt Bangui vorsteht.

Zweitniedrigste Lebenserwartung

Dabei hätten es die Menschen in der Zentralafrikanische Republik auch ohne die tägliche Gewalt bereits schwer genug. Das Land weist die zweitniedrigste Lebenserwartung weltweit auf. Im Durchschnitt werden die Menschen laut UN-Statistik 48 Jahre alt. Nur Lesotho und Sierra Leone liegen mit 47 Jahren noch darunter. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren liegt bei 159 Toten. Damit belegt die Zentralafrikanische Republik Rang neun im weltweiten Vergleich.

Insgesamt über 300.000 der 4,3 Millionen Menschen im Land wurden seit 2005 aus ihren Häusern und von ihren Grundstücken vertrieben und gelten damit als Flüchtlinge. Das staatliche Gesundheitssystem ist quasi nicht vorhanden. Für die gesamte Bevölkerung stehen laut Zahlen aus dem Jahr 2010 nur 118 Ärzte zur Verfügung. 

Davon arbeiten 54 in der Hauptstadt Bangui. Das Gesundheitsbudget des Landes beträgt weniger als einen US-Dollar pro Kopf. Ärzte ohne Grenzen operiert in der Zentralafrikanischen Republik seit 1997 und ist mittlerweile für rund 50 Prozent des Gesundheitswesens außerhalb der Hauptstadt verantwortlich.

Menschen, denen nicht mehr geholfen werden kann

Möschel wurde während seines Einsatzes täglich mit den Auswirkungen des fehlenden Gesundheitssystems konfrontiert. Den Fall eines achtjährigen Jungen, der schwer mangelernährt zu ihm kam und der trotz Behandlung schließlich verstarb, konnte er nur schwer akzeptieren: "Es kamen immer wieder Menschen zu uns, deren Krankheiten bereits in einem Stadium waren, in dem sie nicht mehr behandelbar sind." 

Zu Medikamentenengpässen ist es laut Möschel während seines Einsatzes nie gekommen. Er sieht aber die Problematik der gefälschten Präparate im Land, deren Qualität sich nicht überprüfen lässt. Zwar arbeitet Ärzte ohne Grenzen nur mit einer begrenzten Bandbreite an Medikamenten, diese sind aber Originalpräparate. 

"Außerhalb unserer Einrichtungen haben die Menschen aber oft kein Geld, um sich solche Medikamente zu kaufen, deshalb nehmen sie die viel billigeren Fälschungen", sagt Möschel: "Und bei denen muss man dann froh sein, wenn sie nicht nur Traubenzucker enthalten."

Erneuter Gewaltausbruch

Obwohl es während des Einsatzes des Chirurgen keine kriegerischen Auseinandersetzungen gab, "war die Ungewissheit täglich spürbar." Bauern hätten ihre Felder gar nicht bearbeitet, weil sie sich nicht sicher waren, ob sie bei der Ernte nicht bereits vertrieben wären oder überhaupt noch leben würden. 

Die schlimmsten Befürchtungen hatten sich schlussendlich bewahrheitet: Seit dem erneuten Ausbruch der Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik kommen ständig neue Verletzte in das wieder errichtete Gesundheitszentrum in Farazala, 20 Kilometer vom Krisenherd in der Stadt Ouandago entfernt. 

Eine junge Frau berichtete, dass sie von bewaffneten Männern in ihrer Hütte überfallen wurde. Ihr Mann und ihre drei älteren Kinder hätten fliehen können, doch sie blieb mit dem Baby zurück. Die Männer drohten, ihr Kind zu töten und vergewaltigten sie schließlich. (Bianca Blei, derStandard.at, 20.6.2012)

  • Die Lebenserwartung in der Zentralafrikanischen Republik liegt bei nur 48 Jahren.
    foto: msf/sarah elliott

    Die Lebenserwartung in der Zentralafrikanischen Republik liegt bei nur 48 Jahren.

  • Außerhalb der Hauptstadt Bangui stellt Ärzte ohne Grenzen etwa 50 Prozent der Gesundheitsversorgung.
    foto: msf/sarah elliott

    Außerhalb der Hauptstadt Bangui stellt Ärzte ohne Grenzen etwa 50 Prozent der Gesundheitsversorgung.

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