Reale Fantastillionen

11. Mai 2012, 18:01
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In nur vier Auktionen und in Begleitung zahlreicher Rekorde setzte man in New York mehr als eine Milliarde Dollar um

Es gibt Kunstmarktökonomen, vor allem selbsternannte, die nicht müde werden zu behaupten, China habe den USA längst den Rang abgelaufen. Eine Theorie, mehr nicht. Einem Realitätscheck halten ja ohnedies nur die amerikanischen Umsatzzahlen stand.

China? Das ist eine völlig andere Geschichte, ein Paralleluniversum quasi, dessen Kaufkraft-Prognosen offenbar die Fantasie anregen. 40 Prozent der 2010 in dortigen Auktionshäusern versteigerten Kunstwerke wurden bis heute nicht bezahlt? Jo mei, die asiatische Zahlungsmoral ist halt eine andere, beschwichtigen die einen. Solche Fantastillionen werden aber über (bezahlte) Studien veröffentlicht und bekommen damit ein seriöses Mascherl, argumentieren andere.

Zurück zu den USA, deren Marktanteil angeblich Federn lassen musste, auf 29 gegenüber 46 Prozent im Jahr 2006 geschrumpft sein soll. Angesichts der aktuell in New York für Impressionist & Modern Art sowie Contemporary & Post War notierten Milliarde ist derlei schwer zu glauben. Allein bei den hochkarätig besetzten Evening Sales verzeichneten Christie's und Sotheby's zusammen einen Umsatz von 1,102 Milliarden Dollar, die Tagesauktionen noch gar nicht eingerechnet. Dazu jagt seit vergangener Woche in der Hudson-Metropole ein Rekord den anderen und brachte sich die nächste Künstlergeneration in Stellung, um irgendwann Edvard Munch (Der Schrei, 119,92 Mio. Dollar, Sotheby's) wieder vom Thron plumpsen zu sehen.

Allen voran Mark Rothko, für dessen Orange, Red, Yellow (1961) vier Bieter den Wert auf 86,88 Millionen Dollar trieben. Nicht nur ein Künstlerrekord, sondern auch der höchste bislang für ein Post-War-Kunstwerk verzeichnete Zuschlag, den sich nun Christie's an die Fahnen heften darf. Seit 2008 hatte Francis Bacon diesen Titel inne, 86,38 Millionen hatte Roman Abramowitsch Sotheby's für Triptych (1976) damals bewilligt.

Historischer Zugewinn

Christie's beansprucht seit Dienstagabend mit 388,48 Millionen für 56 verkaufte Kunstwerke auch den höchsten jemals für eine Auktion dieser Sparte erzielten Umsatz. Weltweit. Der Konter von Sotheby's fiel mit 266,59 Millionen (46 Besitzerwechsel) spärlicher, aber immer noch zufriedenstellend aus. Dazu brachte man sich punkto Roy Lichtenstein ins Spiel: Seit 2005 dominierten Christie's-Ergebnisse die drei höchsten Zuschläge, nun bugsierte Sleeping Girl (1964) I can see the whole room aus dem Jahr 1961 (Christie's, November 2011: 43,20 Mio.) auf den zweiten Platz - und bescherte angesichts des neuen Rekordwerts von 44,88 Millionen vermutlich den stattlichsten Zugewinn in der Geschichte des Kunstmarktes. Gerade mal 1.000 Dollar hatten Phil und Bea Gersh 1964 für das Meisterwerk bezahlt. (kron, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

 

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    Mark Rothkos neues Rekordbild "Orange, Red, Yellow" (1961) setzte sich mit 86,88 Mio. Dollar über die bisherige Höchstmarke hinweg (72,84 Mio., " White Center", Sotheby's 2007).

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    Roy Lichtenstein: "Sleeping Girl", 1964

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