"Wird es jemals ganz gerecht sein?"

12. Mai 2012, 23:32
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Kapitalinteressen haben landwirtschaftlichen Boden entdeckt, denn seit der Finanzkrise 2007 reißen sich Investoren um die Äcker der Welt. Über den neuen "Neokolonialismus"

Es war Winter, als ich bei der Beratungsstelle einer landwirtschaftlichen Institution vorstellig wurde. Nachdem mein Anliegen hinreichend besprochen worden war, kamen wir auf das Thema Agrarsubventionen in der Europäischen Union. Wohin würde die in Kürze neu festzulegende Ausrichtung wohl gehen? Würde es weiterlaufen wir bisher - ein Bruchteil der Betriebe den Großteil der Förderungen bekommen? Freilich war mir klar, mich nicht eben in Robin Hoods Hauptquartier zu befinden. Dennoch war ich eigen berührt, als der freundliche Berater den Kopf leicht schieflegte und - milde? mitleidig? gar verächtlich? - lächelte und sagte: "Ganz gerecht wird es wohl nie sein ..."

Diese Episode begleitete meine Lektüre der neuesten Publikation des deutschen Journalisten und Agronomen Wilfried Bommert: "Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt". Ich will versuchen, einen groben Abriss davon zu geben.

Im ersten Jahr der internationalen Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 explodierten die Preise für Getreide, Zucker und Speiseöl innerhalb weniger Wochen. Das war der Moment, in dem Kapitalinteressen den landwirtschaftlichen Boden entdeckten. 2008 begann das, was Bommert "Bodenrausch" nennt. Und zwar nicht nur in den sogenannten "failed states" Afrikas, Asiens oder auch Südamerikas, wo häufig eingetragene Besitztitel fehlen; auch in Europa und den USA wechselten und wechseln riesige Flächen die Besitzer. Akteure aus Finanzwirtschaft, Energie- und Chemischer Industrie, finanzstarke und hungrige Staaten und Akteure "einer neuen Kaste von Kriegsgewinnlern" aus dem Markt der Klimagase reißen sich seither um die Äcker der Welt.

Die größten Investoren kommen aus Europa. Fonds, die Beteiligungen an auf Landkauf spezialisierten Unternehmen unterhalten, versprechen bis zu 25 Prozent Rendite. Sie spekulieren auf steigende Preise für Nahrungsmittel und Ackerland. Auch die Deutsche Bank wird als Investor in Land-Grabbing - mit "Landraub" zu übersetzen - genannt. Boden als einfaches Spekulationsobjekt: Es geht um Gewinn.

Gewaltige Gewinne

Die zweite Gruppe ist die Energie- und Ölindustrie, "die ihre Zukunft an Land sieht". Es wird zusehends teurer, Erdöl zu fördern, deshalb winkt der Anbau von Pflanzen für die sogenannte Biospritproduktion als neues Geschäftsfeld, zumal es von gewissen Ländern der Ersten Welt massiv subventioniert wird. Der Anbau findet vor allem in Ländern, die sich weit hinten im Korruptionsindex von Transparency International finden, statt, und zwar häufig auf angeblich ungenutztem Boden; tatsächlich sind gewaltsame Vertreibungen ansässiger Bauern keine Ausnahme.

Dazu gehört aber auch das Investment in sich z. B. in Deutschland ausbreitenden Biogasanlagen, die, gefüttert mit Mais, gewaltige Gewinne erzielen, dadurch die Grund- und Pachtpreise in die Höhe treiben - und somit "normale" Bauern verdrängen: Heuer muss Deutschland aller Voraussicht nach Getreide importieren.

Manche Länder wie Indien oder China können ihre wachsende Bevölkerung nicht mehr allein vom eigenen Boden ernähren, deshalb kaufen sie sich auswärts ein und importieren die Erträge wieder. Ein besonders brisantes Beispiel ist der Deal, der dem Wüstenstaat Saudi-Arabien Getreide aus Pakistan sichern soll: "In den Verabredungen zwischen Pakistan und Saudi-Arabien ist festgelegt, dass eine eigene Armee von bis zu 100.000 Sicherheitskräften die Felder und die Getreidetransporte der Saudis bewacht, falls Ausschreitungen drohen."

Ein weiterer Deal, der aber aufflog und seither auf Eis liegt, war jener zwischen dem südkoreanischen Autokonzern Daewoo und der Regierung von Madagaskar im Jahr 2008. Daewoo hatte die Hälfte (sic!) des madagassischen Bodens per (99-jährigen Pacht-)Vertrag übertragen bekommen. Doch die Madagassen bekamen Wind davon, 30.000 gingen auf die Straße, das Militär schlug sich auf ihre Seite - der Vertrag wurde - einseitig zwar, aber vorläufig wirksam - für ungültig erklärt.

Die vierte Gruppe von Landkäufern, die Bommert anführt, ist jene, der es um Klimazertifikate zu tun ist. In einer Zeit, in der allenthalben von CO2-Reduzierung die Rede ist, der Treibhausgasausstoß aber unablässig zunimmt, kann mit Pflanzen, die Klimagase aus der Atmosphäre binden, Geld in Form von Zertifikaten verdient werden. An der Chicago Climate Exchange etwa, der US-amerikanischen Klimabörse, können diese Zertifikate verkauft oder gekauft werden - und damit das Recht, weiter CO2 zu produzieren. Zum Beispiel wird (sogar fruchtbarstes Acker-)Land aufgekauft und aufgeforstet, um solche börsentauglichen Klimazertifikate zu erlangen.

Landwirtschaftlich nutzbarer Boden ist nicht unbegrenzt verfügbar. Im Gegenteil ist er begrenzt - und schrumpft. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits ist da die intensive und erosionsbegünstigende (Pflug-)Bewirtschaftung, die Böden auslaugt und ihre fruchtbarste oberste Schicht abbaut - die sich zwar neu bilden kann, aber nur in einem sehr langsamen Prozess. Die Erwärmung des Weltklimas stresst viele Kulturpflanzen - Weizen oder Mais - und lässt die Erträge deutlich schrumpfen. Zudem führt diese Erwärmung zu vermehrtem Wasserverbrauch der Pflanzen einerseits, zu verringertem Wasserangebot - ober- und unterirdisch - andererseits.

Auch deshalb oft notwendige intensive Bewässerung führt wiederum zwangsläufig zur Versalzung der Böden - was sie unfruchtbar macht. Ackerland wird auch deshalb zu Brachland. - Städte gründen sich meist dort, wo es gutes Ackerland gibt. Wegen der zunehmenden und auch durch den "Bodenrausch" forcierten Landflucht dehnen sich die Städte vor allem in den Dritte-Welt-Ländern aus - auch dadurch geht Boden verloren. Und die ständig wachsende Weltbevölkerung - neun Milliarden im Jahr 2050 - entspannt die Lage nicht gerade. Die zunehmende "Lust auf Fleisch" ebenso wenig: Für die Erzeugung von einem Kilogramm Fleisch braucht man - je nachdem, ob es sich um Geflügel, Schwein oder Rind handelt - etwa die doppelte bis zehnfache Menge an pflanzlichem Futter. Verknappung von Boden bedeutet steigende Preise, die wiederum die Ärmsten am entscheidendsten treffen. (Siehe dazu auch Bommerts Buch "Kein Brot für die Welt".)

Im zweiten Teil des Buches ("Peak Soil") benennt und beschreibt er die Ursachen dafür, warum die Böden schwinden beziehungsweise weniger Ertrag bringen. Das überlagert sich notwendigerweise mit Darlegungen aus dem ersten sowie den darauffolgenden Abschnitten. Ein wesentlicher Punkt hierbei ist der sogenannte Kunstdünger, der, seit gut einhundert Jahren im energieaufwändigen Haber-Bosch-Verfahren hergestellt, die Grüne Revolution eingeleitet hat, aber durch die steigenden Ölpreise zunehmend unerschwinglich wird.

"Verlorenen Boden wiedergutmachen" titelt der dritte Teil, in dem mit der "Wundererde" Terra preta und den mutmaßlich bodenverbessernden Effektiven Mikroorganismen (EM) zwei potente, aber wissenschaftlich nicht anerkannte beziehungsweise noch wenig erforschte Hoffnungsträger für die Zukunft der Welternährung erwähnt werden.

Verbindliche Prinzipien

Zuletzt: "Dem Bodenrausch den Boden entziehen". Schon in den Abschnitten zuvor wird immer wieder die Weltbank mitsamt ihren auf dem Washington Consensus fußenden Strukturanpassungsprogrammen, die als Voraussetzung für Hilfen Liberalisierung der Märkte, Privatisierung, Deregulierung etc. verlangen, als eine Art Brandbeschleuniger, Katalysator für den "Bodenrausch" bezeichnet. Es gibt zwar von Weltbank, FAO (Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom) und weiteren UN-Gremien formulierte "Prinzipien für verantwortungsvolle landwirtschaftliche Investitionen", doch sind diese rein freiwillig und unverbindlich. Bommert fordert verbindliche Prinzipien und beschreibt, wie diese aussehen könnten.

So endet, kurz gesagt, dieses große und hochaktuelle Buch, für das Wilfried Bommert alle Ehre gebührt. Er liefert mit "Bodenrausch" einen gewaltigen, tatsächlich weltumspannenden Überblick über die gegenwärtige Situation der landwirtschaftlichen Nutzflächen der Erde. Anhand einer Vielzahl von Fallbeispielen findet man überall systemisch Ähnliches vor - der Begriff "Neokolonialismus" fällt nicht bloß einmal.

Auf jenes Lächeln des Beraters antwortete ich mit einem gewiss nicht weniger merkwürdigen. Hieß das eine: Sei nicht naiv!, bedeutete meines: Was heißt naiv? Das ist eine Frage der Perspektive. - Natürlich wird der, der hat - oder die Interessen der Besitzenden (siehe den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum) vertritt -, Forderung nach Gerechtigkeit derart abtun. Das wird ihn aber nicht daran hindern, selbst aus voller Brust nach Gerechtigkeit zu rufen, gegen Ungerechtigkeit zu wettern, wenn er sich im Nachteil wähnt.

Die christliche Idee in ihrem Ursprung lehnt Privateigentum ab. Erst der katholische Kirchenlehrer Thomas von Aquin, sich auf Aristoteles stützend, rechtfertigte es, und so wurde die Rechtfertigung des Privateigentums zur Kirchenposition, die bis heute die vorherrschende ist und die Gesellschaft vollständig durchdrungen hat.

Es ist dieser scheinbar vernünftige, in seinem Wesen aber nichts als zynische Satz, ganz gerecht werde es wohl nie sein, mit dem sich gleichsam jede weitere Umverteilung nach oben rhetorisch selbst legitimiert. Es ist der Satz zu unserer Zeit des "Big is beautiful" und des damit einhergehenden "Too big to fail": In nuce trägt er die "fatale Logik des eingeschlagenen Weges", an die wir immer noch glauben, als hätten wir am Ende irgendetwas davon. (Reinhard Kaiser-Mühlecker, Album, DER STANDARD, 12./13.5.2012)

Reinhard Kaiser-Mühlecker, geb. 1982 in Kirchdorf an der Krems, ist Schriftsteller. Von 2003 bis 2007 studierte er u. a. Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien. 2008 erschien sein Debütroman "Der lange Gang über die Stationen" (Hoffmann und Campe). Zuletzt erschien sein Roman "Wiedersehen in Fiumicino" (2011).

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    Neue Geschäftsfelder: Auf Landkauf spezialisierte Fonds versprechen bis zu 25 Prozent Rendite.

  • Reinhard Kaiser-Mühlecker: "Die Erderwärmung stresst viele Kulturpflanzen und lässt die Erträge schrumpfen. Zudem führt sie zu mehr Wasserverbrauch der Pflanzen und zu verringertem Wasserangebot."
    foto: kaiser-mühlecker

    Reinhard Kaiser-Mühlecker: "Die Erderwärmung stresst viele Kulturpflanzen und lässt die Erträge schrumpfen. Zudem führt sie zu mehr Wasserverbrauch der Pflanzen und zu verringertem Wasserangebot."

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