ORF III erreicht bis zu 400.000 Zuseher täglich

  • Heinz Sichrovsky, Alexander Wrabetz und Barbara Rett bei der ORF III-Programmpräsentation.
    foto: orf/milenko badzic

    Heinz Sichrovsky, Alexander Wrabetz und Barbara Rett bei der ORF III-Programmpräsentation.

Senderchef Schöber: "Kein Remmidemmi, sondern Kultur und Information auf hohem Niveau" - Rett: "Uns geht's wie Berlin, wir sind arm, aber sexy"

Wien - "Großes Programm mit einem kleinen Team" - so beurteilt man im ORF die bisherigen Erfahrungen mit dem Informations- und Kulturspartenkanal ORF III. Donnerstagabend präsentierten ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und ORF III-Geschäftsführer Peter Schöber im Radio-Kulturhaus die Programmvorhaben der nächsten Monate und zogen dabei auch eine Bilanz des bisherigen Senderangebots. "Es geht uns sehr gut. Das Sendeschema funktioniert und das Publikumsfeedback ist sehr, sehr gut", so Senderchef Schöber im APA-Interview. Wrabetz hat mit dem Erfolg "gerechnet, weil es in Österreich ein fanatisches Kulturpublikum gibt". Bis zum 1. Geburtstag im Herbst erwartet der ORF-Chef 500.000 Zuschauer täglich.

Montag Dokus, Dienstag Kultur, Mittwoch Religion und Wissenschaft, Donnerstag Europa, Freitag österreichischer Film, Samstag Zeitgeschichte und am Sonntag Bühnenerlebnisse mit Barbara Rett, dem kulturredaktionellen Aushängeschild und Gesicht des Senders. "In diese Richtung wollen wir das Schema weiterführen, kein Remmidemmi, sondern Kultur und Information auf hohem Niveau", so Schöber. Die Tagesreichweite des Senders betrage derzeit 350.000 bis 400.000 Zuseher. "Wir liegen in diesem Bereich seit einigen Wochen in der Nähe von Arte. Das ist ein Erfolg, denn Arte besteht seit 30 Jahren und ist die Benchmark." Besonders gut funktioniert laut Schöber die Zeitgeschichte-Schiene am Samstag. Seherzahlen und Marktanteile seien letztlich aber nicht wirklich ein Kriterium für ORF III. "Die Quote ist für uns keine Messgröße, im Vordergrund steht die Qualität des Program

"Programmverrückte"

Dieses werde von einem jungen und engagierten Team, das "im besten Sinne des Wortes aus Programmverrückten besteht", produziert. Man orientiere sich an Arte und anderen Spartensendern deutscher öffentlich-rechtlicher Programmanbieter. Der heimische Sender Servus TV, der ebenfalls am Donnerstagabend sein Programm in Wien präsentierte, sei keine Benchmark für ORF III. "Servus TV ist überhaupt kein Mitbewerber. Wir bespielen 40 Prozent unserer Programmflächen mit Kultur, bei Servus sind es nur sechs Prozent. Servus ist eine gute Mischung aus Discovery Channel, Naturdokus und viel Sport. Wir ergänzen die ORF-Vollprogramme in den Bereichen Kultur, Information, Europa und Wissenschaft", erklärt Schöber.

Als "Feigenblatt" für ORF eins und ORF 2 sieht Schöber den Sender keinesfalls. "Nein, im Gegenteil. Man darf nicht vergessen, ORF III kann es nur deshalb geben, weil es auch ORF eins und ORF 2 gibt, so wie es Ö1 nur geben kann, weil es Ö3 gibt." Unrecht hätten auch "Kassandra-Rufer außerhalb des ORF", die der Meinung waren, dass es in den beiden ORF-Hauptprogrammen keine Kultur mehr gibt, wenn ORF III erst gestartet ist. "Das stimmt einfach nicht. Der ORF bietet in den Hauptprogrammen eine unglaubliche Fülle an Kulturangeboten. Aber selbstverständlich muss ein öffentlich-rechtlicher Sender auch Unterhaltung, auch Sport und auch US-Serien anbieten. Das Schöne ist, dass der ORF für seine Kunden ein zusätzliches Angebot hat."

"Uns geht's wie Berlin, wir sind arm, aber sexy"

Dass das Senderbudget anfangs zu knapp kalkuliert wurde, erklärt Schöber mit fehlenden Erfahrungswerten. "Der ORF hat das letzte Mal 1971 einen Sender gestartet. Wir haben wenig aktuelle Erfahrungen, was den Start und die Befüllung eines Spartensenders betrifft. Jetzt, wo wir ein paar Monate on air sind, ist eine valide Abschätzung möglich, was eine attraktive Programmbefüllung kostet." 12.000 Euro pro Sendetag oder rund vier Millionen Euro jährliches Programmbudget sind laut dem ORF III-Geschäftsführer erforderlich. "Uns geht's wie Berlin, wir sind arm, aber sexy", deshalb "her mit dem Zaster, her mit der Marie", fasste ORF III-Moderatorin Rett die finanzielle Lage Donnerstagabend bei der Programmpräsentation zusammen. Mit ORF-Generaldirektor Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl gebe es laut Schöber diesbezüglich aber ohnehin eine gute Gesprächsbasis.

"Feinkost- und Delikatessenladen des ORF"

Finanzchef Grasl bezeichnete den Sender denn auch als "Feinkost- und Delikatessenladen des ORF". ORF III sei auch ein "Vorbild für ORF eins und ORF 2, denn hier wird auch kostengünstiger produziert und die Redakteure arbeiten voll für das Programm, was im ORF nicht überall so ist". Grasl und Schöber hoffen aber auch auf Einnahmequellen. ORF III darf 42 Minuten Werbung pro Tag senden. "Ich gehe davon aus, dass wir einiges an Spotwerbung an die Werbekunden bringen. Wir haben einen attraktiven Tarif, liegen über der kalkulierten Reichweite und bieten eine attraktive Zielgruppe. Ich denke, die ORF-Enterprise ist gut unterwegs, das in Gang zu bringen", sagte Schöber der APA.

Der ORF III-Chef reiht sich auch in die Phalanx derer ein, die für die Aufhebung des Cross Promotion-Verbots plädieren, nach dem der ORF in seinen Hauptprogrammen keine Imagewerbung für ORF III machen darf. Trailer mit konkreten Programmhinweisen dürfte der ORF spielen, was dem Vernehmen nach auch demnächst passieren wird. Warum diese Möglichkeit bisher kaum genützt wird, erklärt Schöber mit den unklaren rechtlichen Vorgaben. "Es ist zum Beispiel fraglich, ob wir das Logo von ORF III verwenden dürften. Die Cross-Promotion-Regelung für ORF III ist jedenfalls eine massive Beschränkung und Schwachsinn. Der Gesetzgeber sagt, der ORF soll einen Spartensender betreiben, die Medienbehörde sagt, ihr dürft damit aber nicht Aufmerksamkeit erregen. Das ist absurd und sollte auch von der Medienbehörde überdacht werden. Das gleiche gilt für die Social Media-Aktivitäten." Schöber verweist auf den Kommunikationswissenschafter Neil Postman: "Man kann nicht nicht kommunizieren." (APA, 11.5.2012)

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