Immer öfter marschieren die Protest-Clowns auf

15. Mai 2012, 05:30
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Bei Demonstrationen tanzen sie den Polizisten auf der Nase herum oder entschärfen die Stimmung - je nach Perspektive

Vor vielen, vielen Jahren waren es die Hofnarren, die den Herrschern sagen konnten, was dem Volk nicht passt, ohne dabei gleich gehängt zu werden. Von dieser Rolle leitet sich wohl der Protest-Clown ab. Seit 2003 organisiert sich der politische Clown in einer Armee: der Clandestine Insurgent Rebel Clown Army (CIRCA), einer losen Gruppe bunter Aktivisten, die sich erstmals in Großbritannien formierte und inzwischen weltweit agiert.

"Multiform" statt Uniform

In Militärkleidung, mit roter Knollennase, pinkem Plüsch und bunten Blümchen tummeln sich die Clowns immer dort, wo Demonstranten auf die Exekutive treffen. Durch den Mix aus clowneskem Theater und politischem Aktionismus machen sie Protest zu einem kreativen Event.

Ihren heutigen Bekanntheitsgrad erlangten die Protestclowns vor allem im Zusammenhang mit den G8-Demonstrationen in Gleneagles (2005) und Heiligendamm (2007). In Österreich sind sie erst seit 2010 ein Begriff, als sie beim Tierschützerprozess in Wiener Neustadt im Gerichtssaal auftraten.

CIRCA mischt Wien auf

Einer, damals auch mit dabei war, ist "Ober Über Haupt Sörschant". Er ist ein vorsichtiger und neugieriger Clown in silberner Glitzerperücke. Als Mitglied einer Wiener Clowngruppe hat er unter anderem auch die Uni-Rektoratsbesetzung Ende April 2012 aufgemischt.

Zuletzt trieb das Kollektiv am 8. Mai seinen Schabernack. An diesem Tag stellten sich die Clowns am Wiener Heldenplatz auf die Seite der Burschenschafter. Mit Klageliedern, ein paar künstlichen Tränen und heruntergezogenen Mundwinkeln trugen sie einen ihrer Clowns zu Grabe und gedachten so der Kameraden, die im Zweiten Weltkrieg gefallen waren - allerdings so überzogen, dass es wieder lächerlich wirkte.

Freund und Helfer der Polizei

Die bunte Truppe versteht sich überdies als Vermittler zwischen Staat und Demonstranten. All das aber mit einer gewissen Portion zivilem Ungehorsam. "Es kann vorkommen, dass wir den Polizisten, den bezahlten Söldnern des Staates, helfen, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wir schauen, dass alles schön sauber und geordnet ist. Dass alle nett ausschauen und ordentlich angezogen sind", beschreibt der "Sörschant" seine Aufgabe mit ausschweifender Ironie.

Die Aktionen als reine Veräppelung abzutun wäre aber zu kurz gegriffen, meint der Aktivist. "Unsere größten Waffen sind der Humor und die Persiflage. Wir spielen mit Emotionen, verstärken oder verringern sie. Damit versuchen wir, die Leute aus ihrem gewohnten Ablauf herauszureißen", so der "Sörschant".

Der Tanz auf der Nase

Auch die Polizisten fühlen sich manchmal im gewohnten Ablauf ihres Dienstes gestört. Die Berliner Bereitschaftspolizistin Sabine* kennt die CIRCA gut. In der deutschen Hauptstadt haben die Clowns schon Tradition.

Wenn sie sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren müsste, würde Sabine die Clowns beobachten: "Die lassen sich wenigstens mal was einfallen." Sie erzählt von Clowns, die ihr Blumen schenken, sich andauernd vor ihr verbeugen oder mit vollem Körpereinsatz in den Hundertschaften mitmarschieren. Im Dienst darf sie dem Schabernack aber keine Aufmerksamkeit schenken, lautet die offizielle Order.

Mit der Waffe des Schamgefühls

Ein Problem hat die Polizistin mit ihren "Helfern" erst, wenn diese ihr zu nahe kommen. "Es gibt eine Grenze zum anderen Körper, wenn man die übertritt, wird es unbehaglich. Diese Grenze kennen die Clowns und nutzen das Schamgefühl aus. Sie wissen ja, dass wir nichts machen dürfen, solange sie uns nicht berühren." Die Polizistin interagiert mit den Clowns in solchen Fällen nicht. 

Gewalt an Clowns ist tabu

Immer wieder tauchen allerdings Bilder von Kollegen Sabines in den Medien auf, die die Clowns zurückdrängen. "Sobald man die Hand zwischen sich und den Clown streckt, sieht das auf einem Foto immer aggressiv aus", ist sich die Polizistin bewusst. "Solche Bilder sind sehr pressewirksam, denn jeder mag Clowns, Clowns sind nett zu Kindern und lustig." Wenn es dann so aussehe, als würde man einem Clown Gewalt antun, stehe die Polizei eben schlecht da, sagt sie.

Uniform-Neid

Für den "Sörschant" ist die mediale Aufmerksamkeit allerdings zweitrangig. Mit Polizisten habe er bisher nur Spaß gehabt, erzählt er: "Andererseits ist es so, dass uns die Polizisten nicht so gern haben, denn wir tragen die schöneren Uniformen, wir sind ein bisschen bunter und haben lustige Spielsachen dabei - da sind die wohl ein bisschen neidisch."

Tatsächlich sind die Clowns oft "besser" ausgerüstet - mit überdimensionalen Wasserpistolen und beeindruckenden Fantasie-Orden. Sie seien schließlich eine Armee. Eine, die aber niemandem so wirklich gehorchen will. "Wir haben die beste Organisationsform überhaupt, wir sind nämlich gar nicht organisiert. Wir können diese schöpferische Kraft der Anarchie nutzen, um alles Mögliche oder auch nichts zu machen", prahlt der "Sörschant".

Kein Manifest

Das grenzt den "bunten Block" wohl auch von organisierten Demonstranten wie dem schwarzen Block ab, der durch die schwarze Kleidung homogen wirken soll. Mit Hilfe von Tüchern oder Masken versuchen diese linksgerichteten Aktivisten eine Identifikation durch die Polizei zu verhindern. Auch das Vermummungsverbot greift bei den Clowns nicht. Ein streitbarer Punkt. In Deutschland wurde in einem Präzedenzfall für die Clowns entschieden, da ihre Verkleidung ausschließlich dem kreativen Protest dient.

Zudem fehlt die eindeutige politische Couleur: "Wir sind eine ganz geheime Armee und treten auf der ganzen Welt auf. Da ist es schwierig, eine parteipolitische Einstellung zu haben", erläutert der "Sörschant" und fügt hinzu: "Wir sind da, wo wir glauben, dass es wichtig ist, dass wir der Polizei bei der Sicherheit und Ordnung unter die Arme greifen müssen." (Maria von Usslar, derStandard.at, 14.5.2012)

* Name von der Redaktion geändert

  • Immer öfter sind die Protest-Clowns auch in Österreich im Einsatz - wie hier bei einer Rektoratsbesetzung in Wien im April 2012.
    foto: martin obermayr

    Immer öfter sind die Protest-Clowns auch in Österreich im Einsatz - wie hier bei einer Rektoratsbesetzung in Wien im April 2012.

  • Auch beim Burschenschaftergedenken am 8. Mai auf dem Wiener Heldenplatz "trauert" ein Clown mit einschlägiger Binde besonders herzzerreißend.
    foto: christopher glanzl

    Auch beim Burschenschaftergedenken am 8. Mai auf dem Wiener Heldenplatz "trauert" ein Clown mit einschlägiger Binde besonders herzzerreißend.

  • Ebenfalls am 8. Mai trägt die Wiener Clown-Truppe symbolisch einen Kameraden zu Grabe.
    foto: christopher glanzl

    Ebenfalls am 8. Mai trägt die Wiener Clown-Truppe symbolisch einen Kameraden zu Grabe.

  • Einer der Clowns ist "Über Ober Haupt Sörschant", der sich allerdings recht schüchtern gibt.
    foto: alexander gotter

    Einer der Clowns ist "Über Ober Haupt Sörschant", der sich allerdings recht schüchtern gibt.

  • Ausrüstung und Schminke des Herrn "Sörschant" brauchen nicht viel Platz.
    foto: alexander gotter

    Ausrüstung und Schminke des Herrn "Sörschant" brauchen nicht viel Platz.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In Deutschland strapaziert die Rebel Clown Army spätestens seit dem G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2007 (Foto) regelmäßig die Nerven der Polizisten.

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