Kolumbien: Eine Flücht­lingstragödie, von der kaum wer Bescheid weiß

18. Juni 2012, 05:30
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Am 20. Juni erinnert die UNO an die Situation von Flüchtlingen weltweit und auch an vergessene Krisen wie in Kolumbien

Menschen, die auf der Flucht aus Afrika nach Europa in kleinen Fischerbooten wochenlang auf dem Meer treiben. Kinder, die in der Sahelzone an Hunger leiden und tagelange Märsche zu den Hilfsorganisationen auf sich nehmen: Die medial präsenten Flüchtlingskatastrophen finden nahezu alle in Afrika statt. Dabei werden die Konflikte auf anderen Kontinenten und deren dramatische Folgen oft vergessen. Aus den Medien, aus dem Sinn.

Am Internationalen Flüchtlingstag am 20. Juni erinnert die UNO an alle weltweit 43,7 Millionen Flüchtlinge. Die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge leben laut der Statistik im Sudan. Dort wurden durch den jahrzehntelangen Bürgerkrieg rund 4,5 Millionen Menschen vertrieben. Doch bereits auf Platz zwei des Rankings befindet sich ein Staat, der nicht auf dem Krisenkontinent Afrika liegt; der über Erdöl- und Metallvorkommen wie auch einen großen Kaffee- und Schnittblumenexport verfügt und das Potenzial zu einem wohlhabenden Land hätte: Kolumbien.

Bis zu sechs Millionen Flüchtlinge

Offizielle Schätzungen der Behörden gehen davon aus, dass in der jüngeren Verganhenheit vier Millionen Menschen in Kolumbien von ihrem Land vertrieben wurden. Das bedeutet, dass in dem 46-Millionen-Einwohner-Staat jeder elfte Kolumbianer als Vertriebener gilt. NGOs befürchten sogar eine Zahl von sechs Millionen Flüchtlingen. Die meisten von ihnen verschwinden schlussendlich in einem der städtischen Slums.

Die Elendsgürtel um Großstädte wie die Hauptstadt Bogotá beherbergen Millionen Menschen. Der Reichtum der wohlhabendsten Stadt des Landes verteilt sich allerdings nur auf rund sieben Prozent ihrer Bewohner. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung von Bogotá leben in einem Armenviertel.

An die europäische Öffentlichkeit dringen diese Zahlen selten. Meldungen über Kämpfe zwischen der linken Rebellenorganisation FARC und der Armee wechseln sich nur ab mit denen über die Freilassung von Geiseln. Prominentestes Beispiel ist die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Íngrid Betancourt, die 2008 aus ihrer sechsjährigen Gefangenschaft befreit werden konnte.

Wunden des Krieges

Mittlerweile schätzen Behörden, dass sich noch etwa 100 Zivilisten in der Gewalt der FARC befinden. 50.000 Menschen gelten allerdings bis heute als verschollen. Die seit rund 25 Jahren andauernden Kämpfe zwischen den linken Rebellengruppen, Paramilitärs der Großgrundbesitzer und der Armee fordern vor allem von der Bevölkerung ihren Tribut.

Bernhard Benka, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Land war, kennt die Auswirkungen. Während seiner Arbeit von Februar bis Dezember 2011 behandelte er Opfer der bewaffneten Konflikte rund um die Stadt Buenaventura, den wichtigsten Pazifikhafen des Landes. Doch der Allgemeinmediziner aus Oberösterreich entfernte dabei keine Gewehrkugeln oder nähte Stichverletzungen: Er war mit den psychischen Folgen der Gewalt des Bürgerkrieges konfrontiert. 

Psychische Folgen

"Als ich in einem Dschungeldorf war, besuchte mich eine Mutter mit ihrem elfjährigen Sohn", sagt Benka im Gespräch mit derStandard.at. Die Mutter erzählte, dass der Bub seit einigen Monaten Bettnässer sei. Benka zog einen Psychologen hinzu. In Gesprächen zeigte sich schließlich, dass der Bub vor einem halben Jahr mitansehen musste, wie seine gleichaltrige Freundin ermordet und seine Schwester angeschossen wurde. 

Wie dieser Bub leiden noch viele Menschen in Kolumbien an den psychischen Folgen der Gewalt des Bürgerkriegs. Laut einem Bericht von Ärzte ohne Grenzen wurden im Jahr 2011 mehr als 1.600 traumatisierte Personen in Programmen in den Regionen Cauca und Caquetá mit insgesamt zwei Millionen Einwohnern behandelt.

Vergiftung von Flüssen

"Man muss den Leuten erklären, dass es nicht normal ist, dass sie mit Vertreibungen, Entführungsdrohungen und Mord konfrontiert sind", sagt Benka. Doch nicht nur der Bürgerkrieg, auch der Kampf der Regierung gegen den Koka-Anbau ist ein Faktor für das Leid der Bevölkerung. Mit Gifteinsätzen aus der Luft versucht die Polizei, dem Gewerbe ein Ende zu setzen. Außerdem frisst der Platzbedarf der Koka-Felder die Regenwälder des Landes auf, und Drogenbosse lassen die überwiegend indigene Bevölkerung dafür auch gewaltsam von ihrem Besitz vertreiben. Zusätzlich sorgen die verbreiteten Gold- und Metallminen für die Vergiftung von Flüssen und Böden.

Die Auswirkungen der Umweltgifte schlagen sich auch auf die Gesundheit der Bewohner der ländlichen Gebiete nieder, erzählt Benka. Die Menschen waschen sich in den Flüssen oder trinken das Wasser. Die Folgen sind Ausschläge und andere Hautkrankheiten. Vor allem die Topografie der Region, das gebirgige Gebiet, das nur von Flusstälern durchschnitten wird, habe die Arbeit oft erschwert, sagt er.

Fünfstündige Reise ins nächste Krankenhaus

Die fehlenden Straßen und die nicht vorhandene Infrastruktur schneiden die Menschen zudem vom Gesundheitssystem des Landes ab. Sofern überhaupt ein Boot verfügbar ist, ist es das einzige Transportmittel, das eine rasche Reise in die nächste größere Stadt ermöglicht. Bis zum nächsten Krankenhaus kann das allerdings bereits bis zu fünf Stunden dauern. Der Grund dafür, dass die Freiwilligen von Ärzte ohne Grenzen nur in Notfällen die oft beschwerliche Reise mit Patienten auf sich nehmen.

Beschwerlich ist laut Benka das gesamte Leben der Menschen am Land. Die harte und lange Arbeit auf dem Feld ist der Grund dafür, dass viele Männer, Frauen und Kinder mit starken Rücken- und Gelenksbeschwerden zu ihm kamen. Waren sie bereits schwer krank, hatte es ebendiese Arbeit oft nicht zugelassen, dass sie bereits in einem früheren Stadium der Krankheit einen Arzt aufsuchen. Ihre Arbeitskraft wurde auf dem Feld gebraucht. 

Der Allgemeinmediziner erzählt von einem 18-jährigen Burschen, der einen faustgroßen Hodentumor hatte. "Der Tumor war bereits so weit fortgeschritten, dass ich ihn nur noch ins nächste Krankenhaus bringen konnte", sagt Benka. Ob der Jugendliche überlebt hat, weiß der Oberösterreicher nicht: "Manchmal kann man den Menschen nicht mehr helfen." (Bianca Blei, derStandard.at, 18.6.2012)

  • In den ländlichen Gebieten Kolumbiens ist vor allem die afrokolumbianische Bevölkerung vom fehlenden Gesundheitssystem betroffen.
    foto: msf/juan-carlos tomasi

    In den ländlichen Gebieten Kolumbiens ist vor allem die afrokolumbianische Bevölkerung vom fehlenden Gesundheitssystem betroffen.

  • Ins nächste Krankenhaus dauert die Reise mit dem Boot bis zu fünf Stunden.
    foto: msf/juan-carlos tomasi

    Ins nächste Krankenhaus dauert die Reise mit dem Boot bis zu fünf Stunden.

  • Oft sind die Krankheiten schon weit fortgeschritten, wenn die Menschen einen Arzt aufsuchen.
    foto: msf/mads nissen

    Oft sind die Krankheiten schon weit fortgeschritten, wenn die Menschen einen Arzt aufsuchen.

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